Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 30/2011

Albumcover

Zomby
Dedication

Längst zählt das britische Label 4AD zu den einflussreichsten Indierock- und -Pop-Bastionen. Nach einer kleinen Schwächephase in den letzten Jahren ist 4AD mittlerweile, dank Bon Iver, The National, Gang Gang Dance, Twin Shadow oder Deerhunter, wieder breitbeinig und fest auf der Landkarte des Pop verankert. 2011 markiert nun eine Wende. Mit Inc. signte man jüngst einen den Prince-Funk dekonstruierenden Act aus Kalifornien; mit Joker und Zomby zwei Produzenten, die sich seit Jahren durch unzählige Singles in der Bassmusik einen Namen gemacht haben: zwischen Grime, Dubstep und Electronic.

Im Falle von Zomby war dies bislang ebenso überbordend ravey wie tosend bunt. „Dedication“ zeigt nun einen gereiften Ansatz, konzentriert sich auf Nuancen und behält dabei das große Ganze im Auge: Zomby tritt mit seinem Zweitling einen Schritt näher ans Heute und verliert sich hemmungslos, gleichsam wunderbar in den Möglichkeiten, die das Zeitalter des Post-Dubstep so bereit hält. Bei aller Beat-Lastigkeit ist „Dedication“ nicht alleine eine Aufforderung an den Körper, es ist zunächst eine Aufforderung an den Kopf – und damit bricht Zomby sein eigenes Paradigma endgültig auf.

Diese Neuausrichtung klang bereits vor wenigen Monaten im ätherisch verschleierten „Things all Apart“ an, ein Song mit den Waschmaschinen-Vocals Panda Bears. Doch dies hatte nur in seiner klickerigen Kleinteiligkeit einen Stellvertretungscharakter für „Dedication“, einem Werk, das deutlich metallener gezeichnet ist. Es ist die nahezu vollständige Absage an die Gefühligkeit, vielleicht sogar oberflächlich eine Absage an das Gefühl generell – stattdessen offenbart sich völlig unterkühlter digitaler Rollsplitt, fast schon blitzendes Stieben. Zomby ignoriert, dass die kürzeste Verbindung zwischen Song und Hörer von Empathie, Sympathie und melodischem Affekt geprägt ist. Das Menschliche findet hier, wer unter die digitale Oberfläche erstaunlich aufgeräumter Relais und sublimer Verschachtelungen vordringt.

Das narkotisch-betäubte 8-Bit-Stück „A Devil Lays Here“ zeigt einen solchen Zwiespalt aufs Herausragende, auch das verflochtene „Digital Rain“ spielt mit Unterschwelligkeiten, die zum Ende des Albums mit Klaviersamples sukzessive zur Eindeutigkeit aufgebrochen werden. Stimm-Samples bleiben hingegen rar gesät und immer derart verfremdet, dass sie entweder sehnsüchtig und unerreichbar scheinen oder sich fast flehend verzehren. So das stimmliche Gewöll bei „Natalia’s Song“, das scheinbar ungewollt in die Höhe geworfen wurde und so eine beklemmende Atmosphäre schafft, die eisige Schauer über den Rücken jagt.

Es sind Ahnungen des Nie-Ankommens, die das Album durchziehen und seine Vagheit markieren. Zomby experimentiert mit verschwommenen Skizzen und einer stilistischen Choreografie, die sich einer Festlegung verweigert. Space-Feel, 2-Step, Grime, Electronic, Dubstep oder Ambient – „Dedication“ setzt sich mit großem Schwung zwischen die Stühle und erlabt sich sowohl an sprudenden Synthies und der euphorischen Berauschung („Black Orchid“ mit seiner tumben C64-Spielsucht) als auch an melancholischer Schwere.

In den schwächeren Momenten genügt sich „Dedication“ mit seinen Subbass-Vibrationen als akustisches Stimulanzmittel, rauscht vorbei, vielleicht manchmal ein wenig zu unmerklich. Aber gerade in diesem atemlosen Strom, der durch viele Zwischenspiele und Miniaturtracks ermöglicht wird, die das vielköpfige Werk nahtlos zusammenschmelzen lassen, liegt auch eine neue Kraft: Die Gewissheit, dass im elektronischen Bereich gerade die spannendsten Evolutionen stattfinden. (mw, eldoradio*)

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Anspieltipps

Natalia's Song, #2
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Black Orchid, #4
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A Devil Lay Here, #12
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Digital Rain, #10
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Things Fall Apart, #7
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