Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 40/2011

Albumcover

Zola Jesus
Conatus

Zola Jesus zieht sich aus

Großes wurde der Künstlerin Zola Jesus bereits 2010 prognostiziert, „an artist to watch out for“, wie man so schön sagt. Keine sehr gewagte Vermutung: Denn wo das Debütalbum „The Spoils“ (2009) noch wenig Beachtung fand, konnte „Stridulum II“ (2010) restlos überzeugen und beschritt zielstrebig den Weg in die internationale Musikfachpresse. Mit „Conatus“ hat sie nun ihr drittes und vielleicht verflixtes drittes Studioalbum offenbart und sich dabei bis auf die Haut ausgezogen; intim, persönlich und in seiner Machart karg wie die russische Tundra.  

Zola Jesus heißt mit bürgerlichem Namen Nika Roza Danilova, wird in Russland geboren, doch zieht mit den Eltern rasch in das beschauliche Merrill, Wisconsin, Amerika. Das Örtchen ist berühmt-berüchtigt als Crystal Meth- Produktionsstätte, hier ist das Leben abgeschieden und beschaulich. Mit klassischer Musik und der Vorliebe für Opern und Operngesang flüchtet Danilova schon früh vor dem Trott der Stadt, geht ihren Weg als Außenseiterin und findet in einer Nachbarin die Gesangtrainerin, die sie sich immer gewünscht hat. Ein echter Glücksfall. Lange ist dies her. Inzwischen hat Danilova den Schritt von der klassischen in Richtung elektronisch geprägter Musik gewagt. Auch der Wohnsitz hat sich geändert: Aufgrund atemberaubender musikalischer Ressourcen ist inzwischen die Stadt der Engel, Los Angeles ihr neuer Wohnsitz und ebenfalls Heimat von „Conatus“.

Den Vibe der Stadt suchen wir aber vergeblich, spiegelt ein erster Höreindruck doch vordergründig die Einsamkeit und Trostlosigkeit vergangener Lebensabschnitte wider. Über Begriffe wie „Hikikomori“, japanisch für “extreme Isolation”, und „Conatus“, je nach Auslegung “Wagnis” oder “Fortschritt”, definiert sich auch der minimalistische und ungeschliffene Sound des Albums. Conatus ist dabei eine sehr persönliche Grenzerfahrung der Künstlerin, die gefangen in einem Zwang der ständigen Weiterentwicklung den Spagat zwischen hymnenhaften Elektro-Pop-Songs und dunklen Momentaufnahmen ihrer Seele meistert und dabei aus Versehen die neue Empfindsamkeit des Pops prägt. Was die Opener „Swords“ und „Avanlanche“ an charakteristischer dunkler Intensität nur bedingt zu leisten im Stande sind, fängt „Vessel“ eindrucksvoll auf. Ein knarzender Spaziergang durch unberührte und karge Wüstenlandschaften des artifiziellen Sounds. Trockene, ausgemergelte Beats in Harmonie mit dem hallendem Gesang, der Raum im Stile von Florence and the Machine neu definiert und Zeit überflüssig macht. Zu gern möchte man sich Zola Jesus auf einem solchen Gang vorstellen, wie sie ehrfürchtig und bedacht durch ihr eigenes Kunstwerk schreitet. Nackte Einsamkeit: Dass sie sich nach ihrem Umzug in das schnelllebige L.A. in die Abgeschiedenheit von Merrill, Wisconsin zurücksehnt, wird nicht bloß durch melancholische Geigen-Einschübe in „Hikikomori“ und „Ixode“ thematisiert. Beats aus der Retorte tun dem Vergnügen auch im weiteren Verlauf des Albums keinen Abbruch, werden zielführend eingesetzt und unterstreichen die emotionalen Höhepunkte „Seekir“ und „In your Nature“, sanft genug, um sich nicht in Aufdringlichkeit zu verwandeln.

„Conatus“ ist im Vergleich zu den Vorgängeralben trotz minimalistischer Reduziertheit musikalisch effizienter, deutlich personenbezogener („Skin“ und „Collapse“) und alles andere als verflixt. Zola Jesus ist nun endgültig angekommen und reiht sich ein in die Riege ausdrucksstarker Frauen wie La Roux, Beth Ditto, Florence (and the Machine), die wir in puncto Stimmgewalt so schätzen gelernt haben. Seien wir gespannt auf die Prognosen der Musikpresse für 2012. Ein Geheimtipp ist sie dann allerdings nicht mehr. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 30.09.

Links: Künstlerin | Label | Facebook

Anspieltipps

Vessel, #3
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Seekir, #6
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Hikikomori, #4
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Skin, #10
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In Your Nature, #7
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