Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 07/2011

Albumcover

Yuck
Yuck

Bilder laufen ineinander über. Farben invertieren. Ein Musikvideo. Yuck spielen, als wäre es das Normalste in der Welt einen drivigen Teenagerock zu spielen, während eine junge, blonde Frau aus einer Hütte in den verschneiten Wald rennt, um später von einem Werwolf angefallen und entblößt zu werden, um in völliger Nacktheit weiter zu fliehen; Spuren ihres Blutes im Schnee zeigen ihren Weg. Der Werwolf findet sie und entweder beschläft oder tötet er sie. Oder beides. Das wird nicht ganz ersichtlich. Aber was tut es auch noch groß zur Sache: "Holing Out" von Yucks Debütalbum bohrt nicht nur musikalisch, sondern auch visuell, an einem bestimmten Nerv. Aber an welchem?

 

Die Platte in der Hand, Blick auf das Cover gerichtet, wird ein erster falscher Eindruck geweckt: Yuck will entsprechend der Bedeutung des Wortes 'yuck' (etwa: „igitt“, „bäh“, „pfui“) nicht gefallen. Eine Strichfigur ist im Begriff sich den Finger in den Hals zu stecken und diese Geste bleibt im Bezug zur Platte im wahrstem Sinne unerhört: Gradlinig-gitarrig ist die Band unterwegs, mit Dominanzansprüchen läuft der Bass immer mit, die Stimmen halten sich lieber im Hintergrund auf, verweilen dort und kommen dann und wann ein bisschen nach vorne, wenn sie nicht nur singen, sondern auch mal was zu sagen haben. Was hier mehr spricht, ist die Musik. Und die ist nicht - wie anfangs der Eindruck - hauptsächlich rau und roh. Fast mag man denken, dass der erste Track mit seinen schönen Momenten im Refrain, dem Gute-Laune-Gestus und verkitscht-schönen Sehnsuchtsphrasen ("I need you, I want you") den Ton für das Debütalbum angibt. Nett, ok. Und wir bewegen uns weiter durch das Album, erleben härtere Passagen, es grunged, es shoegazed fortan, es ist trotz melancholischer Sehnsucht gut gelaunt. Kommt auch zur Ruhe: "Suicide Policeman" beginnt mit einer akustischen Gitarre, fährt fort mit lockeren Bassläufen, ein bisschen Schlagzeug gibt das Übrige. Die Schönheit des Moments, man ist noch einmal viele Jahre jünger, trotz ein paar dunkler Wolken sorgenfreier und sagt sich: Das Leben ist gut. Geliebte, genießbare Melancholie, so 90er, dass es nicht neu ist, aber erfrischend. "I listen to a lot of Nineties music," erzählt Sänger Daniel Blumberg "It's easy to get passionate about that stuff."

Die 90er sind dabei auch genau die Zeit, wo er und seine Bandleute ihre Kindheit verbracht haben, Daniel ist gerade einmal zwanzig Jahre alt. In der Schule freundet er sich mit Gitarrist Max Bloom an und die beiden entscheiden sich mit ihrer Musik reich und berühmt zu werden, spielen bis 2009 bei den erstaunlich erfolglosen Cajun Dance Party, finden in der israelischen Wüste den baldigen Drummer Johnny Rogoff aus New Jersey und später kommt auch noch die aus Hiroshima stammende Bassistin Mariko Doi dazu. So einfach ist das manchmal. Und auch gewagt: Rogoff kommt eigentlich aus New Jersey, das gemeinsame Songwriting lief über das Internet bis er sich schließlich entschieden hat, sein Studium in den Staaten zu lassen und nach London zu ziehen. Die Band ist vollständig, tourt durch die Gegend als Support von Teenage Fanclub oder Dinosaur Jr., erleben leuchtendes Feedback und haben bis dahin nicht einmal eine Platte in der Hand. Der Release des Debüts steht nun an: "Yuck" ist ein Album, das jugendlichen Wahnsinn wiederaufblühen lässt und früherwachsene Melancholie in Erinnerung an die eigene Jugend auslöst. Aber dieses Wiedererkennen und Identifizieren mit diesem Sound ist kein Zeichen stilistischer Armut der Band, es präsentiert mehr deren Fähigkeit, mit musikalischen Themen angemessen umzugehen, sich immer wieder von diesen lösen zu können und Musik aufrichtig und leidenschaftlich zu leben. Und auch ehrlich zu leben: Nach all dem sehnsüchtig-fröhlichem, bassdurchtriebenen Gute-Laune-Rock kommt am Ende doch der Morgen nach einer durchzechten Nacht: "Rubber" ist der musikgewordene Kater, er zieht, er bläht sich auf, macht sich breit und nimmt den Raum ein, erfüllt einen mit einem Gefühl der Bedrückung, das aber auch sagt: "Du hast viel getanzt. Setz dich hin, entspann dich und genieße es". Genussvolles Erleben von Qual. Nicht ganz yuck eben.(Philipp Wolf, CT das radio)

VÖ: 11.02.2011 

Links: Band | Facebook | Label

 

Anspieltipps

Georgia, #6
Link:

Suicide Policeman, #5
Link:

Operation, #9
Link:

Holing Out, #4
Link:

Suck, #7
Link:

Hier könnt Ihr Yuck: Yuck - Silberling der Woche 07/2011 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar