Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 47/2011

Albumcover

Youth Lagoon
The Year Of Hibernation

Es ist November und nicht nur das Wetter, sondern auch die Menschen werden ungemütlich. “Es ist zu kalt”, “es schneit noch nicht”, “eigentlich muss ich mich von dem Weihnachten letztes Jahr noch erholen, bevor das nächste ansteht”, tönt es aus allen Richtungen. Wie jedes Jahr geht Jedem irgendwie alles zu schnell. Oder zu langsam. Das ewig gleiche Gejaule, das wir schon aus all den anderen Jahren zuvor kannten. Bereits Ende Oktober werden die Weihnachtssüßigkeiten im Supermarkt aufgebaut, Mitte November der Weihnachtsmarkt und nach und nach wird man schon gefragt, wo man schließlich Silvester feiern wird. Der Murmeltier-Effekt, ebenso nervig wie schön traditionell. Nie aber: Neu.

Ähnlich verhält sich es mit dem Erstlingswerk “The Year of Hiberantion” (Auf deutsch: “Das Jahr der Überwinterung”) von Youth Lagoon. Es handelt sich um rohen Indiepop, der keineswegs durch erfinderischen Ideenreichtum besticht. Auch die Themenfelder, die der 22-jährige Trevor Powers aus Idaho besingt klingen alles andere als einfallsreich: Herzschmerz, die großen Gefühle und seine Kindheit. Erfunden haben das Rad schon längst die anderen großen Musiker. Da kommt Youth Lagoon nicht ran, bietet aber eine wunderschöne Version dessen.

Doch was genau macht dieses Debüt von Trevor Powers nun zu etwas so Besonderem, dass es international gerade große Wellen schlägt?

Die Antwort auf dieses Geheimnis ist die folgende: Es sind die großen Momente, die einen kaum noch atmen lassen, wenn Solotüftler Powers ersteinmal loslegt. Auf den ersten Blick ist “The Year of Hibernation” bloß ein ruhiges, sehr besonnenes Album. Der Schlüssel ist es, das Album auf sich wirken zu lassen, vergleichbar mit der Intensität eines trockenen Rotweins. Auch den schmeckt man erst, wenn man ihn in kleinen Schlücken genießt. Dieses Album braucht Zeit und schmeckt gewissermaßen erst im Abgang und wenn man sich darauf einlässt.

Es ist ein lofi-produziertes Indiepop-Werk, das verwaschen und handgemacht tönt. Trevors Wundermittel für seinen eigenen Sound ist ein Synthesizer, der Alesis Micron, der Klavier, Gitarre und ein Laptop für die Beats ersetzt. Vor allem durch die kleinen Elektro-Spielereien mit diesem einfachen Gerät schafft er es unaufgeregt und unkompliziert eine ganz intime, verhuschte Atmosphäre zu schaffen. Und es sind genau diese simplen Arragements die am Ende dem Ganzen eine schwere Note geben. Zum Beispiel bestechen die zunächst noch unscheinbaren Songs “July”, “17”, “Daydream” und “Montana” dadurch, dass sie in den letzten Minuten zum großen Finale aufrufen und damit eine Gänsehaut garantieren. Der gehallte und verzerrte Gesang fühlt sich dabei trotz Dasein im Hintergrund wie Meer von Wattedecken an – eben kuschelig und verträumt, wie der Großteil des Albums.

Textlich ist “The Year of Hibernation” eine nostalgische Abhandlung über all das, was die Kindheit so zu bieten hatte und vor allem über das Gefühl, das einen Anfang Zwanzig besteigt: Die vielen magischen Momente schwinden und man wird gezwungen das Träumen ein wenig aufzugeben. So singt Trevor im Albumopener “Posters” davon, wie sein Leben war, als er neun Jahre alt war, und wie er sich verändert hat: “No I think im gettin closer / Yeah I know im gettin closer / My whole wall is filled with posters.” Auch im Song “July” kommt Trevor zu der Erkenntnis, das er mit seinen Anfang 20 noch nicht die Erfüllung in seinem Leben gefunden hat: “Five years ago, in my backyard I sang love away / Little did I know that real love had not quite yet found me.“

All diese Kindheitserinnerungen klingen natürlich eher naiv als auf eine Art weise. Aber Trevor rekapituliert nicht nur seine Kindheit, sondern hält sich durch die Musik auch die Möglichkeit offen in das Einfache und Unübersichtliche zurück zu flüchten. Bei dem Erstlingswerk von Youth Lagoon handelt sich es gewiss auch um eine Art Selbsttheraphie-Projekt, das uns einen sehr intimer Einblick in sein Leben gewährt, wobei man sich hier natürlich sicherlich vor einer 1:1 Übertragung aufpassen muss, denn Trevor sagt selbst: "Youth Lagoon isn't me. [...] It's merely a part of me.“ Im Jahr 2010 begann Powers dieses Album zu schreiben um seinen Angstattacken, die ihn lange verfolgten, ein Ende zu machen. Er konnte darüber nicht reden und produzierte schließlich ein Album, das ein Sammelsurium aus Ängsten, Vergangenheit und Zukunft ist – zur Selbstheilung.

Trotz vielen Themen, vielschichtigem Klang mit zerdehnten Synthies und beruhigtem Songaufbau ist es ein konzentriertes Album geworden. Bloß acht Lieder und 35 Minuten lang, um nicht durch unnötige Füllsongs den Gesamteindruck zu verwässern. Es war die Angst, mit neuen Sounds die Einheit dieses Werkes zu zerstören, die Powers zu diesem Schritt greifen ließ. So ist es ein schüchternes Debüt geworden, das sich nicht aufspielt, sondern sich ganz vorsichtig an Klänge und Töne herantastet. Mit Sicherlich ist es nicht abwegig darauf zu wetten, dass Youth Lagoon mit diesem unverkopften Album ein perfekter Kandidat für das Haldern Pop Festival 2012 ist. Nämlich genau für das Festival, das es jedes Jahr ums Neue schafft, unbekannte Indiebands auf die Bühne zu bringen und ihnen damit die perfekte Aufmerksamkeit schenkt.

Vor allem aber sollten sich diese ganzen verwasche-tönenden Indiepopbands wie Beach House oder Mazzy Star in Acht nehmen: Trevor schleicht sich leise von hinten an! Sein einlullender Sound geht nämlich niemanden auf die Nerven, passt zu allen Gelegenheit und geht am Ende so sehr ins Ohr, dass man sich gar nicht mehr entscheiden kann, welches der beste Songs auf dem Album ist. Und man schlicht alle Tracks zu Lieblingssongs erklärt. (Katharina Lange, Radio Q)

LInks:

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Anspieltipps

Posters, #1
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July, #5
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Afternoon, #3
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Montana, #7
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17, #4
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