Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 33/2012

Albumcover

Yeasayer
Fragrant World

Xenophob waren Yeasayer noch nie. Das Quartett aus Brooklyn war seit Anbeginn der Tage weltoffen. Es komponierte schon immer Stücke, die sich fast schon entgegengesetzter Genreelemente bedienen: Experimentiert wurde bereits mit afrikanischer Musik, Remixe wurden unter anderem schon für so verschiedene Künstler wie den Cold War Kids, Death Cab for Cutie und N.E.R.D. gebastelt. Eine Band, bei der man nicht weiß, was man erwarten soll und kann. Und auch bei der Produktionsweise scheint die Formation ganz ungeniert zu sein. Erst kürzlich gab Gitarrist Anand Wider zu Protokoll, dass er bewusstseinserweiternden Substanzen während der Bandaufnahmen nicht kritisch gegenübersteht: "I'm always a pretty strong advocate of doing drugs and alcohol during the creative process." Vielleicht hat das die Band auch dazu bewegt, für jeden Song des Albums kaleidoskophafte Visualisierungen konzipieren zu lassen, die schon viele Wochen vor dem Release ihres neues Albums "Fragrant World" zeitlich begrenzt mit dem dazugehörigen Song auf verschiedenen Seiten zu finden waren (alle Visuals sind bereits nicht mehr abspielbar, wer sich aber einen Eindruck des Verantwortlichen Yoshi Sodeoka verschaffen möchte, der nicht nur live für die Lichteffekte der Band zuständig ist, sondern auch schon im Vorfeld von "Fragrant World" Ambiente- und Psychedelic-Videos entworfen hat, kann u.a. hier fündig werden.

Die Farbkonstellation der Visualisierung zur ersten Singleauskopplung "Henrietta" beherbergt viele Farbtypen und -muster, die konvergieren und ständig in Bewegung sind. Dieses Gebilde lässt sich perfekt auf das musikalische Schema des Albums projizieren: Vielschichtige Genrewurzeln und -referenzen sind in ein - trotz generell offener Songstruktur - insgesamt eher düsteres Soundgewand eingebettet. "Fragrant World" trumpft mit vielen überraschenden Wendepunkten auf, die die Songs größtenteils einen ganz unerwarteten Lauf nehmen lassen. "Blue Paper" präsentiert sich erst als seicht elektronisch, das hier vor allem durch Keatings weiche, klare und teilweise schrille Stimme getragen wird. Doch in der letzten Phase des Songs wird die Drummachine auf einige Beats per Minute mehr eingestellt und der Gesang klingt immer nebulöser. Die offene Songstruktur wird vor allem durch den gänzlichen Verzicht von Gitarren ermöglicht, der in vielen bisherigen Albumrezeptionen als wesentlicher Kontrast zu den Vorgängern genannt wurde. Das kann aber mitunter ein wenig verwundern, denn nicht nur "Henrietta" war durch den mit Effekten behafteten Gesang und halliger Synthiemelodie Vorbote für diesen Schritt, schon "Odd Blood" aus 2010 wirkte mitunter wie ein Konglomerat aus elektronischen Experimenten.

Hauptelement sind nun vor allem polyrhythmische Arrangements aus Synthiemelodien und einer vielseitig eingesetzten Drummachine, die dem Album einen psychedelischen Charakter verleihen. Die Infantilität einiger Synthiemelodien (wie in "Demon Road") kann jedoch nicht über die allgemein hypnoseartige und mystische Atmosphäre hinwegtäuschen, wie sie sich zum Beispiel in dem leicht sperrigen "Folk Hero Shctick" offenbart, das Keatings Stimme in einigen Passagen krass verzerrt. Generell setzen die Gesangssequenzen auf mehr Effekte als dies bisher der Fall war. Dabei klingt Keating doch schon ohne diesen Zusatz sehr vielfältig: manchmal geistesabwesend indifferent, dann wieder erstaunlich bewegt und verletzbar. Eine Kombination, die teilweise leicht an diverse Thom-Yorke-Stücke erinnert.

 Keatings Stimme gesellt sich dann zu einem breiten Quellenspektrum, das im Grunde Momente dessen streift, was in den letzten zwei Dekaden an die Popoberfläche drang. Dazu gehört auch der Hang zum R'n'B, hörbar in "Devil & the Deed", dessen Handclaps und Beateinsatz mitunter den Rapproduktionen von Timbaland ähneln. Dann wieder die Tendenz zu pulsierendem Industrialism in "Reagan's Skeleton." Das alles kann mitunter aber auch ein wenig anstrengen, denn die Offenheit der Songs impliziert ebenso, dass diverse Songpassagen mitunter sehr dezentralisiert wirken. Daher gelingt es Yeasayer auf "Fragrant World" nicht immer, die so charakteristische Experimentierfreudigkeit mit der doch immer noch nötigen Eingängigkeit zu verschmelzen, wie es bisher der Fall war. Ob sich diese noch einstellt und es sich um ein wirklich nachhaltiges Album handelt, kann jetzt vielleicht noch nicht beantwortet werden. Fest steht schon jetzt: Die wohlduftende Welt verlangt dem Hörer trotz vieler trivialer Popperlen einiges ab. Aber mal ehrlich: Was hätte man von Yeasayer auch anderes erwarten können? (Philipp Kressmann, CT das radio) 

Anspieltipps

Fingers Never Bleed, #1
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Devil & The Deed, #5
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Blue Paper, #3
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Henrietta, #4
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Reagan's Skeleton, #7
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