Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 09/2010

Albumcover: Xiu Xiu - Dear God, I Hate Myself

Xiu Xiu
Dear God, I Hate Myself

„With you inside me comes the knowledge of my death.“ Plakativ, provokant und pervers. Geschrieben mit einem billigen Filzstift auf nackter Haut. Die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer liefert mit ihrer Photo-Serie „Lustmord“ brisantes Material, das auf eine Form von Mord aufmerksam macht, die, im wahrsten Sinne des Wortes, totgeschwiegen wird: die ultimative Befriedigung durch Tötung des begehrten Objekts. Ein psychologisches Phänomen, das nicht nur Jenny Holzer in ihrer Kunst thematisiert, sondern auch Xiu Xiu in ihrer Musik. Da, wo Jenny Holzer aufhört, steigen die kalifornischen Art Rocker ein. Xiu Xiu, Jamie Stewarts musikalisches Projekt mit immer wechselnder Besetzung, beweisen auch mit ihrem siebten Studioalbum „Dear God, I Hate Myself“, wie unberechenbar, überraschend und immer wieder innovativ sie sind.

Im Glanzstück dieses epochalen Werks, „House Sparrow“, wird der Lustmord zum Leitmotiv. So singt Stewart mit schwacher Stimme „I got away Lustmord / I made it into my own little Sacramento“. Tatsächlich diente hier die wahre Geschichte des Mörders Richard Chase aus Sacramento, der sechs Menschen tötete und ihr Blut trank, als Inspiration. In rasanten zwei Minuten vierzig beschreibt Stewart, wie das Opfer dem Mörder davonkommt. Was dabei immer wieder heraussticht, ist eindeutig die Sequenz „I got away“. In Verbindung mit den fast mystisch anmutenden Synthies und dem interpol-esken Bass kann man sich dem sprichwörtlichen kalten Schauer über den Rücken nur schwerlich entziehen. So ist auch das Stück „Gray Death“ keine leichte Kost. Hier fleht Stewart: „Beat me to death“ – die Leidenschaft ist so groß, dass selbst der Tod nichtig erscheint. Mal untermalen die Percussions sein Klagen, mal spielt das Schlagzeug direkt gegen ihn an, um dann in der Erkenntnis aufzugehen, dass das Verlangen dann wohl doch zu groß war („Take a look at what I have done / You can protect nothing“).

Mit dem Album gehen Xiu Xiu zurück in die Zeit, in der das Leiden en vogue war – die 80er. Jamie Stewart und die leicht veränderte Formation der Band schlagen einen Deathpop-/Synthpunk-Weg ein, den einst The Cure oder Bauhaus geebnet haben. In damaligen Zeiten von zunehmender Industrialisierung wurde es populär, seine dystopische Sichtweise mit Hilfe von Synthesizern und Klagegesang zu einem auditiv stimulierenden Erlebnis zu machen. Wie groß der Einfluss von Robert Smith und Konsorten auf Jamie Stewart gewesen sein muss, lässt „Chocolate Makes You Happy“ erahnen – ein Song, der fast als Metapher dafür dienen könnte, wie groß das Verlangen nach etwas sein kann, das einem nicht gut tut. Und in der heutigen Zeit, in der „Size Zero“ alles ist, ist das nun mal Schokolade. Die Analogie zur Lust wäre der Mann "with a rock in his fist", eine Zeile, die die Ambivalenz besonders verdeutlicht: „As you unbutton your elaborate garter / Bewildered by desire“. Die Lust zieht sich über alle Songs wie ein roter Faden.

In welcher Verfassung sich Jamie Stewart befunden haben muss, als er die Texte für das Album schrieb, zeigt sich am phänomenalen Titeltrack „Dear God, I Hate Myself“ allzu gut. Stewart höchstpersönlich gab an, der Song sei aufgrund eines Gebets, das er eines Nachts kniend zu Gott sprach, entstanden, ein Moment der unglaublichen Verzweiflung („Despair will hold a place in my heart / A bigger one that you do“) und des Gefühls, niemals diese eine markerschütternde Liebe zu erfahren, so stark, dass sie einen zum Mord treiben könnte. Auch diese Seite beleuchten Xiu Xiu, und das außerordentlich mitreißend, in dem wohl intimsten Stück dieser Platte, insbesondere wenn man bedenkt, dass Stewart quasi sein Gebet zu einem Song verarbeitet hat. Beinahe ist man versucht, sich selbst zum dreckigen Voyeur mit dem Glas an der Raufasertapete zu stilisieren. Allein: Was Stewart hier offenbart, ist kein Emo-Gesülze, sondern eine aufrichtige Form der zerstörten Hoffnung, jemals die Liebe zu erleben, die andere tagtäglich propagieren. Stewart klagt: „I will never be happy / I will never feel normal“ – das alles jedoch in ein melodisches Bett gehüllt, das beinahe euphorisch klingt. Das Schlagzeug steht im völligen Widerspruch zu den Liedzeilen, ebenso wie die Samples, die Xiu Xiu einem Nintendo DS (!) entliehen haben. Das verbreitet dann doch wieder Hoffnung, und deshalb ergibt es auch Sinn, den Song (sowie „Secret Motel“ und „Apple For A Brain“) mit Hilfe eines Kinderspielzeugs zu konzipieren. Denn Kinder verfügen ja noch über die Leichtigkeit des Seins und eine naturgegebene Schwerelosigkeit. Das dazu im Gegensatz stehende adoleszente Überthema „Verlangen und Verzweiflung“ mit Melodien zu untermalen, die nur Kindern vertraut sind, ist zwar grotesk, aber vor allem brillant.

Die Konklusion dieses Gefühlschaos findet sich in „This Too Shall Pass Away“, in dem Stewart erkennt: „Heaven is closed for now you are alone / This too shall pass away“. Jamie Stewart erschafft sich eine Utopie, in der auf schlechte (einsame) Zeiten auch wieder gute (von Liebe erfüllte) Zeiten folgen. Auf dieser Achterbahn wird er begleitet von dem Mann, der das Leiden vorgemacht hat: Morrissey. Denn Stewart hat die Vermutungen von Fans bestätigt, dass er sich in der Zeile „Listen, Steven is singing to you / The pain of life you wipe away“ auf die The-Smiths-Ikone bezieht. Die manischen, zum Lustmord treibenden Züge der Liebe ergründet Stewart wieder im letzten Song des Albums, „Impossible Feeling“. Darin beschreibt er den Zustand nach einem Lustmord. Er lässt den Zuhörer visualisieren, wie das Opfer kalt auf dem Boden liegt und der Täter es mit einem Leichentuch bedeckt: „Cover your face in the shroud of impossible feeling“, dieses unwirkliche Gefühl, so sehr zu lieben, dass die Leidenschaft zum Mord führt – und dadurch das verloren zu haben, was man liebte.

Xiu Xiu haben mit „Dear God, I Hate Myself“ ein monumentales Werk geschaffen, das die hohe Kunst vollbringt, sowohl die Agonie als auch die Ekstase der Liebe zu beschreiben, ohne dabei abgedroschen oder geschmacklos zu werden, eine sowohl lyrisch als auch musikalisch harmonische, wenngleich wahnwitzige Reise durch das große Wunderland genannt „Liebe“. Ein weiteres Zitat aus Jenny Holzers „Lustmord“-Reihe könnte man fast auf Jamie Stewarts Kunst beziehen: „I try to excite myself so I stay crazy“. Und wenn man ehrlich ist, ist das doch tausend Mal besser als der Einheitsbrei. Denn wie schon Charles Bukowski erkannte: „Some people never go crazy, What truly horrible lives they must live.“ (Alice Polansky | hochschulradio düsseldorf)

 

VÖ: 26.02.2010

Künstler: www.xiuxiu.org | Label: www.killrockstars.com | Myspace: www.myspace.com

Anspieltipps

  • Dear God, I Hate Myself, #06
  • Chocolate Makes You Happy, #02
  • This Too Shall Pass Away (For Freddy), #11
  • Secret Motel, #07
  • House Sparrow, #04

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