Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2008

Albumcover

Wolf Parade
At Mount Zoomer

Ob das Embrionenschutzgesetz in Kanada wirklich so lax ausgelegt wird, wissen wir nicht. Aber zumindest ist es verdächtig, dass sich handgeschätzte 70% aller kanadischen Indierockbands recht gleich anhören. Verbotene Klon-Experimente?

Auch Wolf Parade sind ein Produkt ihre Umgebung: Jaulende Stimmen, unübersichtlich scheppernde Instrumentierung und quertreibende Melodien. Ein Mix, der sich nur allzu gut in das typische und liebgewonnen Klischee kanadischer Erfolgsproduktionen einfügt. Woran es jetzt liegt, dass in letzter Zeit die Kanadier in der Beziehung ein gutes Händchen haben, werden wir wohl nie erfahren. Fakt ist, Bands wie The Islands oder Wolf Parade reiten neben Arcade Fire und Broken Social Scene auf der Nordamerikanischen-Indiewelle die auch uns Europäer in den letzten Jahren getroffen hat und surfen diese nicht nur gekonnt ab, sondern spielen mit ihr wie Kelley Slater auf dem Höhepunkt seines Könnens.

„At Mount Zoomer“ ist die zweite Platte, der inzwischen in Montreal, Quebec lebend und schaffenden Kombination aus ehemaligen Atlas Strategic- und Hot Hot Heat-Mitgliedern. Wolf Parade und ihr eng geknüpftes Musik-Netz sind dabei (mit Frog Eyes, Swan Lake, Handsome Furs und Sunset Rubdown – allesamt Solo- oder Nebenprojekte) eins von den drei großen Knäueln, die geballt mehrmals jährlich auf die Ohren geben. Fürs vollständige Protokoll: Die anderen wichtigen sind das New Pornographers / Destroyer / AC Newman / Immaculate Machine-Netzwerk (übrigens mit dem Link über Dan Bejar auch zu Swan Lake – und damit quasi erweitertes Wolf Parade-Umfeld) und das ebenso umtriebige Broken Social Scene-Umfeld, dessen Verästelungen wir gerne Wikipedia überlassen. Man kennt sich eben in der inzestuösen Szene Kanadas.

Bisweilen hat man sich am typischen Sound inzwischen sattgehört – und wirklich neue Akzente setzt auch „At Mount Zoomer“ nicht. Dennoch gibt es weitere neun verspulte Hymnen mit einem großen Herz für gute Melodien und stimmigen Arrangements. Mit „Soldiers Grin“ wird man aber zuerst ein Stück in die Vergangenheit versetzt. Der so typische, damals heiß geliebte, monotone 80er-Jahre Computerspiel-Sound, der mehr als ein Elternpaar um den Verstand gebracht hat, wird hier liebevoll aufgelockert in den Song eingebaut und harmoniert ausgezeichnet mit einer rockigen Gitarre und einem Flötenspiel, dass dem Song die Leichtigkeit des kanadischen Seins verleiht und alles ist, aber nicht unerträglich. Wer sich eine kreative Kombination aus David Bowie oder dem späten Robert Plant mit Paolo Conte ( „Via Con Me“) vorstellen kann und auch glaubt, dass das musikalisch funktioniert, sollte sich unbedingt „Call It A Ritual“ anhören und einfach zustimmend mit dem Kopf nicken.

Die lockerleichte Verspieltheit die sich durch das Album schlängelt kommt außerdem in „The Grey Estates“, durch den verschärften Keyboardeinsatz, der für die eingängliche und manchmal aufdringlich wirkende Melodie verantwortlich ist, besonders ausdrucksstark zur Geltung. „Fine Young Cannibals“ versteht es dann im weiteren Verlauf, den rockigen und mit einer schwer anmutenden Gitarre beladenen Sound hervorzuheben, der dem Album den Stempel „Indierock“ in ebenso rechtfertigender Art und Weise aufdrückt, wie auch im abschließenden 11-minütigen Feuerwerk „ Kissing the Beehive“: Nach einem Robert Plantastischen Einstieg in den Track wird es zwischendurch deutlich ruhiger und sphärischer, ohne an treibender Kraft einzubüßen, um dann gegen Ende einen Gang höher zu schalten und die letzten Kraftreserven eines konzentrierten Zuhörers in Anspruch zu nehmen, bis dieser danach fast erschöpft zurücksinkt.

„At Mount Zoomer“ ist durch unbestreitbare Bowie-Einflüsse und das solide Zusammenspiel traditioneller Popelemente eine Hommage an die Vergangenheit und beweist die Vereinbarkeit von Altbewährtem und modern verschachtelten Klängen. Nicht immer so schön ungestüm und raubeinig wie das fabelhafte Debüt der Band, dafür überlegter und gleichbleibend melodiös. Vielleicht ist in diesem Falle das Klonen durchaus legitim, handelt es sich nur um das Zusammenführen erprobter Elemente: Brüchiges, aber spannendes Songwriting und der bewährte Kanada-Trademark-Sound.
(Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 20.06.2008

Band: http://www.myspace.com/wolfparade | Label: http://www.subpop.com

Anspieltipps

  • Soldiers Grin, Track 1
  • Call It A Ritual, Track 2
  • The Grey Estate, Track 6
  • Language City, Track 3
  • Bang Your Drum, Track 4

Hier könnt Ihr Wolf Parade: At Mount Zoomer - Silberling der Woche 27/2008 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar