Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 39/2011

Albumcover

Wilco
The Whole Love

Wilco – oder auch: die Unfehlbaren. Hat es jemals eine Kritik in ihrer seit 1994 währenden Karriere gegeben, die deutlich negativ ausgefallen ist? Eine, die ihnen ein schlechtes Album attestiert? Kaum ein Gedanke scheint abwegiger . Und nun war es mal wieder soweit: Wilco-Chef Jeff Tweedy hat seine Mannen abermals um sich versammelt, um ein neues Album aufzunehmen, das achte insgesamt. 

Wilco – oder auch: die sich ständig entwickelnden. Der Band immer noch den „Alternative Country“- Stempel aufzudrücken kommt schon fast einem Fauxpas gleich. Die Band ist nie bei einem vermeintlichen Erfolgsrezept stehengeblieben, hat aber trotzdem nicht ihre Wurzeln vergessen – zahlreiche Mitgliederwechsel taten ihr Übriges zur Evolution ihres Sounds.

Eine der wenigen Konstanten, neben den durchgängig guten Alben, die die Band aus Chicago seit jeher veröffentlicht hat, ist das Label, das ebendiese lanciert hat. Nun jedoch ist das Traditionslabel Nonesuch Records, gegründet 1964 und seit dem 2002er Durchbruchsalbum „Yankee Hotel Foxtrot“ Heimat von Wilco, um eine ihrer größten Bands ärmer. Bereits im Juli letzten Jahres ließ Gitarrist Nels Cline verlauten, dass die Band das Label verlassen habe und sich für ihr kommendes Album endlich den Traum von der eigenen Plattenfirma erfüllen werde.
 
Nun ist also „The Whole Love“ auf dBpmRecords erschienen, Wilco’s neuem Baby. Ob das auch der Grund ist, warum es so laut beginnt? Der Opener „Art Of Almost“ klingt nach einem songgewordenem Befreiungsschlag: über sieben wie im Flug vergehenden Minuten zieht sich das Stück, funky, jung, rumpelnd, und kulminiert in einer von dieser Band so schon lang nicht mehr gehörten Noise-Orgie, die einen angenehm überrascht zurücklässt.  Es folgt die vorab veröffentlichte Single „I Might“, die daran anschließt, wo „Art Of Almost“ aufgehört hat, diesmal nur im etwas radiotauglicheren, poppigeren Gewand – alles wieder auf gewisse Weise erschreckend wunderbar, mit einem euphorisch wirkenden Bandleader, der in bester Rap-Tradition ins Mic spittet: „It’s alright/ You won’t set the kids on fire/ Ohhh but I might/ ho!” Sollte man sich also ab jetzt gar vor einer der sympathischsten Bands im Musikgeschäft fürchten?

Nach dem plötzlichen Ende von „I Might“ sammelt man sich wieder ein wenig, so ein Tanz durch die Wohnung bringt ja schließlich auch seine kalorienverbrennende Seite mit sich, und man wartet gespannt, was da noch kommt, nach zwei schlichtweg hervorragenden Stücken zum Einstieg. Schnell wird klar, dass Wilco jetzt nicht alles hinter sich gelassen haben und über Nacht zu Noiserockern mutiert sind. Das entspannte „Sunloathe“ klingt wie John Lennon im Jahr 2011, dafür gibt’s Pluspunkte, jedoch ist der stürmische Wind, der noch eben in den Segeln der „Whole Love“ lag, erstmal raus. Leider kann sie von nun an auch nicht mehr die Fahrt aufnehmen, mit der sie den Hafen eindrucksvoll verlassen hatte. 

„The Whole Love“ plätschert von nun an vor sich hin, die Songs werden etwas eintöniger und wirken weniger entschieden. Diejenigen, die gern ihre Autobahn-Nachtfahrten mit dem richtigen Soundtrack untermalen, werden zwar mit Sicherheit große Freude an diesem Album  haben, aber was tun, wenn man keinen Führerschein oder entsprechendes Vehikel hat? In „Capitol City“ kommt dann noch Jeff Tweedy’s Vorliebe für Ur-Folker Woody Guthrie deutlich zum Vorschein, und, kurz vor der Hafeneinfahrt, mag „Standing O“ noch einmal ausbrechen, allerdings ohne wieder an die anfängliche Kraft und Frische heranzukommen.

Fraglos ist „The Whole Love“ allemal ein tolles Album geworden,  doch hätte das Sextett nicht gleich so sehr in die Vollen gehen sollen, da es im Endeffekt bedauerlich ist, dass die hierdurch geweckten Erwartungen leider nicht erfüllt werden. Andererseits sind wir inzwischen auch schon längst bei Jammern auf hohem Niveau angelangt – und damit auch wieder bei „unfehlbar“ und „sich ständig entwickelnd“. (Pat Cavaleiro, CampusRadios NRW)
 

Anspieltipps

I Might, #2
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Capitol City, #8
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Standing O, #9
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Sunloathe, #3
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Art Of Almost, #1
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