Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 08/2009

Albumcover

Whitest Boy Alive
Rules

Gleich vorweg, weil das ja heutzutage immer die zentrale Frage ist: Ja! Rules, das neue Album von The Whitest Boy Alive ist wieder Tanzmusik. Es ist ein Album zum Hopsen. Aber eben nicht in der schwülen Großraumdisco, in der es nach Bier, Schweiß und billigen Parfüms riecht, sondern lieber im Wohnzimmer-Klub. Oder natürlich allein im Schlafzimmer.

Insofern knüpft „Rules“ also nahtlos an das erfolgreiche „Dreams“ von 2006 an. Einen kleinen Unterschied gibt es trotzdem: „Rules“ ist im Vergleich zum Vorgänger noch sauberer produziert. Während jede x-beliebige Band das Schraddeln zum Prinzip erhebt, machen es The Whitest Boy Alive umgekehrt und gehen in die Gegenrichtung. Andererseits schaffen sie das Kunststück, trotz mehr Präzision, Ordnung und Minimalismus nicht klinisch-kalt zu werden. Im Gegenteil: Die elf überwiegend live eingespielten Songs werden getragen von einer trockenen, angenehmen Wärme, die wohl aufs mexikanische Klima zurückzuführen ist: Dort entstanden die Aufnahmen.

Das Zusammenspiel der Band auf „Rules“ scheint überhaupt sonnig-relaxed, wie bei einer aufgeräumten, lebendigen Wohngemeinschaft in der absolute Harmonie herrscht. Alle Instrumente bekommen gleich viel Platz und ihr Eigenleben überlagert sich nur im zentralen Gemeinschaftsraum der Rhythmus-Küche. Darüber hinaus hat jeder sein kleines abgestecktes Reich, das er bespielt. Das gilt für Erlend Øyes unverkennbare Stimme genau so wie für sein Gitarrenspiel. Die sorgfältig und präzise gesetzten Fills und Licks sind besonders stark in "1517", "Dead End" oder "Promise Less Or Do More". Diese Gitarrenparts klingen, als könnten sie genau so gut einen Marc Knopfler-Song verzieren, so unpassend die mit Knopfler verbundene Genre-Bezeichnung Classic Rock auch erst erscheinen möge.

Das Schlagzeug von Sebastian Maschat und Marcin Oz´ Bass akzentuieren und strukturieren leise, fast heimlich. Vor allem in den getrageneren Stücken wie "Gravity" und "Intentions" wächst aber die Rolle der Rhythmus-Sektion. Und die treibende Kraft hinter dem Knaller "High On The Heels" sind sie ohnehin, ohne sich dabei künstlich laut nach vorne peitschen zu müssen. Überhaupt ist "High on The Heels" die perfekte Aggregation aller guten Eigenschaften des neuen Albums: Glasklare Produktion, lebendige Songs und elektronische Spielwiese. Die wird - chronologisch gesehen - mit dem dritten Track "Courage" zum ersten Mal betreten. Es ist überhaupt ein Verdienst von „Rules“ die Rolle des elektrischen Pianos von Daniel Nentwig im Laufe der Platte immer stärker zu betonen. Dennoch bleibt alles organisch. Erstens weil Rhodes-Piano und Crumar-Synthesizer eben als Instrument gespielt werden und nicht am virtuellen Reißbrett einer Audio-Software entstanden sind. Und zweitens weil die Elektronik, wie alle anderen Instrumente auch, nicht das Prinzip der geordneten Aufteilung durchbricht, sondern punktuell eingesetzt und immer in den Rest verwoben wird, ganz besonders geschickt in "Time Bomb".

Am weitesten in die House-Gefilde wagt sich der letzte mit fast 7 Minuten längste, fast schon opulente und funkige "Island". Er löst das Versprechen eine Dance-Platte zu machen endgültig ein, falls daran überhaupt irgendwelche Zweifel bestanden haben sollten. Filter House hätte man das vielleicht Ende der 80er nennen können. Und ihre Nähe zu dieser Musikrichtung betonen The Whitest Boy Alive auch gerne, sei es in den seltenen Interviews oder durch T-Shirts mit plakativen Bekenntnissen (I Love House Music). Letztendlich ist es aber egal, was für einen Namen man „Rules“ - diesem wohlerzogenen Kind vieler Eltern - gibt. Aber selbstvergessen hopsen soll es! (Christian Erll, Radio Q)

VÖ 27.02.2009

Band: http://www.whitestboyalive.com | Label: http://www.bubblesforsale.com

Anspieltipps

  • 07, 1517
  • 01, Keep A Secret
  • 11, Island
  • 03, Courage
  • 06, High On Heels

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