Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 41/2011

Albumcover

We Were Promised Jetpacks
In The Pit Of The Stomach

Wenn der Mensch, der dich frisch verlassen hat, im Stammclub mit jemand Neues knutscht. Wenn der Mensch, den du liebst, plötzlich hinfällt und dabei stirbt. Wenn der Mensch, dem du blind vertraut hast, sein wahres Gesicht zeigt: All dies sind tiefe Schläge in die Magengrube. Ein Gefühl von Erschütterung und Verletztheit, unberechenbar.
 

Emotionen sind auch der Motor für die Produktion von Kunst jedweder Richtung. Im besten Fall kann der Funke auf den Rezipienten überspringen und auch in ihm emotionale Teilhabe entzünden, eine Projektionsfläche für eigene Befindlichkeiten bieten. Solche Kunst ist meisterlich - ist es das neue Jetpacks-Album auch?

"In The Pit Of The Stomach“, in der Magengrube, heißt der zweite Langspieler von We Were Promised Jetpacks. Die 2003 zu Schulzeiten gegründete Band hatte mit ihrem Debut „These Four Walls“ (2009) für verstärktes Hinhören gesorgt – so kraftvoll wühlte die Stimme vom jungen Adam Thompson die Nachtruhe auf. "Quiet Little Voices" geriet sogar zum kleinen Indiehit. Ambitioniert forderte er „Roll Up Your Sleeves!“ - und das nicht aus einer abgebrannten Lethargie heraus, sondern als Lebenseinstellung eines Adoleszenten, der viel vor sich hat. Eine gute, weil fruchtbare Haltung für das zweite Album, an dem sich zeigt, wie beflissen man ist und wie sehr man sich selbst vertraut.

Es hätte alles in eine ganz andere Richtung gehen können: Mehr stilistische Breite schaffen, zu allem Ja und Amen sagen. Doch die vier Glasgower haben das zuvor schon rockig-melodiöse und leicht apathische Paket mit „In The Pit Of The Stomach“ noch fester geschnürt. Sind kompromisslos, fokussiert und ungemein ambitioniert. Im isländischen Studio von Sigur Rós bereits Ende 2010 aufgenommen, klingt das Resultat weit anders als die sonst so typisch mystischen Klänge aus dem Land der Geysire: nämlich vor allem eins: laut.

Schon der Opener „Circles and Squares“ eröffnert mit einem schlecht gelaunten Hi-Hat- und Tom-Tom-Gewitter die 47-minütige Energieschlacht. Die Songs wurden fein durchkomponiert, zwischen absoluten Ausbrüchen vermitteln ruhigere Parts und sorgen so für einen adäquaten Spannungsbogen. Die Kunst des sukzessiven ineinander Verwebens breiter Klangflächen zeigte sich bereits bei der Vorabsingle „Medicine“, die neben „Picture of Health“ das poppigste unter den zehn Stücken ist. Doch We Were Promised Jetpacks sind gereift, haben sich mehr und mehr einem düster gefärbten Post-Rock angenähert, was ihnen sehr gut bekommt.

Dass „In The Pit Of The Stomach“ anders als „These Four Walls“ nicht live, sondern in einzelnen Tonspuren eingespielt wurde, tut der evozierten Emotion des Grummelns im Magen allerdings nicht so gut. Insgesamt ist das Album leider so laut gemastert, dass die unterschwelligen kleinen Melodien, die für das bisschen traurige Süße sorgen, kaum zur Geltung kommen. Der Höreindruck muss an der lauten Oberfläche haften bleiben, kann nicht in die durchaus vorhandenen Tiefenstrukturen vordringen. Stellenweise ist auch die Gesangsspur von Adam Thompson so leise, dass der Text nur schwer erhascht werden kann. Zumal in seiner hellen Stimme nur marginal Ausflüge nach oben oder unten stattfinden.

„In The Pit Of The Stomach“ ist ein gelungener, selbstständiger Nachfolger des vielumjubelten Debüts, auf dem spannend komponierte Rocksongs Lust darauf machen, Adam, Michael, Sean und Darren mal wieder live zu erleben. Mit dem auf Krawall gebürsteten Mastering schneiden sich die Jungs aber ins eigene Fleisch, denn die emotionale Tiefe, die der Titel verspricht, wird hier nicht ergründet. Doch ein Meister fällt ja bekanntermaßen nicht vom Himmel. (Frieda Berg, Radio Q)

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Anspieltipps

Medicine, #2
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Human Error, #9
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Circles and Squares, #1
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Pictures Of Health, #6
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Sore Thumb, #7
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