Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 29/2010

Albumcover

Wavves
King Of The Beach

 

 
Krach machen war schon immer eine Symbolhandlung der Jugend. Laut sein, aggressiv sein und dabei sogar Schokolade finden – bereits beim Topfschlagen auf Kindergeburtstagen durfte man dem Getöse frönen, das sich später in der Pubertät allmählich aus den vorgeordneten Bahnen schälte und sich wahlweise in der Gründung einer eigenen Punkband oder in politischen Aktionen entlud. Krach, das ist die Entgegnung auf Perspektivlosigkeit, Ungerechtigkeit und allgemeine Lähmungserscheinungen, es ist der Soundtrack eines Lebensabschnittes, in dem sich Kraft und Energie vor allem als körperliche Handlung des Dagegenseins manifestieren. Dräuender Lärm ist da nur ein weiterer Aggregatszustand.
 
Nathan Williams aus Kalifornien ist in seinen 20ern und weiß um den Umstand, dass Jugend auch ein Verfallsdatum hat. Entsprechend beeilte er sich in den letzten beiden Jahren mit dem Musik machen und bot Bloggern 2008 gleich eine Reihe von schrammeligen Demos an, die lechzend weiterverteilt wurden. Und das, obwohl außer schlechtem Gitarrenspiel und völlig zerschossenem Gesang kaum Substanzielles auf der Habenseite stand. Aber anscheinend gab es ein großes Verlangen nach unbekümmertem Sound (man könnte von No-Fi sprechen, hätten nicht vor Jahren bereits The Thermals diesen Begriff okkupiert), der alles zusammenfasste, was beim Heranwachsen begehrenswert erscheint: Authentizität, Lebendigkeit und Emotionalität. Sein Debüt „Wavves“ wich entsprechend nicht von diesem Rezept ab und verpackte kleine Hymnen als Krachmacher, die auch einen erfrischenden Mangel an Komplexität aufwiesen. Eigentlich waren bereits dort die 2-Minüter im Kern simpelste Popsongs, nur tarnte Williams sie als kleine Punker, indem er Gesang und Instrumente einfach derart übersteuert und verzerrt aufnahm, dass man glauben konnte, die kleinen Holzwürmchen in der heimischen Lautsprecherbox hätten über Nacht Membranfolien zur Lieblingsspeise erkoren. Derart zerschreddert und zerschmettert klang das Ergebnis, das nichts weiter war als ein erbärmlich verkümmerter Rest Klanggeröll. Überflüssig zu erwähnen: Es war der spaßbringendste, ungestümste und unbekümmerteste Noise-Pop, den man sich vorstellen konnte, ein Triumpf der puren Dringlichkeit und Lautstärke.
 
„King Of The Beach“ ist jedoch wohlproportionierter, wenngleich der Klang immer noch bewusst verwaschen und lo-fi tönt, was den Spaßfaktor jedoch nicht mäßigt. Im Gegenteil, die Hintergrundchöre malen mit Sonnenfarben, Nathans verhallter Gesang ist ebenso schluffig wie unverfälscht und die „out of bed“-Frisuren der Songs erinnern an Zeiten als das Haar noch voll und wallend war. Hier ein bisschen Slacker, dort ein bisschen Hippie und viele mitklatschtaugliche Melodien eigentlich überall. Schließlich ist dieser Gitarrenrock die ultimative Rückführung zu den alten Tugenden der Unterhaltung: Hits und Kurzweil am laufenden Band. Für den Moment gedacht, sind Halbwertszeit und Beständigkeit sowieso keine Kategorien, die diesen völlig unpolitischen Songs zuträglich wären. Bei den Wavves geht es nicht um das Abbilden der globalisierten Welt, sondern um eine idealtypische Vorstellung eines Teenager-Lebens, das ausstaffiert mit Parties, Strandausflügen und Drogenexzessen ebenso eine biedere, weil klischeehafte Konstante gewinnt, wie die obligatorische Melange aus Selbstzweifel und Verortungswahn in einem Umfeld der Multioptionen. Letzten Endes muss aber auch er einsehen, dass das zwanghafte Spaßhaben ebenso wie das apathische Rumhängen und Langweilen ziemlich anstrengend ist und greift heftig ins Fach der Selbstironie, wie die geradezu gewollten agitativen Sprüche wie “You’re never gonna stop me! King of the beach!” beweisen.
 

Nathan Williams gegen den Rest der Welt – eine geradezu bilderbuchhafte Identifikationsmetaphorik wird in den Songs aufgetürmt, der die musikalische Seite der Medaille eine Entsprechung bietet: „Post Acid“ fuchtelt mit dem Grillanzünder und steckt sich versehentlich selbst in Brand, „Baby Say Goodbye“ galoppiert mit The Drums durch die glutheißen Sandpartikel und „Super Soaker“ löscht dann aufs Nötigste, kann aber auch nicht verhindern, dass es kurz danach und bis zum Ende wieder im Affenzahn weiterläuft. Die fuzzigen Gitarren fetzen das Fleisch von den Fingerkuppen, liefern sich mit dem Gesang ein Wettrennen und gönnen auf den gut bemessenen dreißig Minuten fast keine Auszeit. Da liegt das hysterische Lachen am Anfang vom fast klassisch rockenden „Idiot“ eigentlich nahe, denn so viel Temperament und Spielwitz ist dann doch nur in kleinen Portionen genossen wirklich maximaleffektiv. Aber man darf diesem durchgeknallten Ami deswegen eigentlich keine Vorwürfe machen – auch nicht, dass sich das bereits Ende 2009 veröffentlichte „Mickey Mouse“ in Animal-Collective-Mimikry übt, schließlich war man auf diesem Album schon um größtmögliche Abwechslung im eng korsettierten Rahmen bemüht, den es allerdings im nächten Anlauf zu sprengen gilt. Denn auch wenn man noch so schnelle Songs schreibt, der Zeitgeist kann immer schneller.

 

Anspieltipps

King Of The Beach
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Mickey Mouse
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Post Acid
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Idiot
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Baby Say Goodbye
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