Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 04/2011

Albumcover

Vierkanttretlager
Die Natur Greift An

Was bedeutet es, Mensch zu sein? „Nackt und schön und ohne Schmerz“?

So jedenfalls schlägt es die deutsche Indie-Rock - Band Vierkanttretlager in ihrem neuen Album „Die Natur greift an“ vor. Veröffentlicht wird es auf dem Label Unter Schafen und unter Schafen befinden sich die vier jungen Musiker wohl wohl auch in anderer Hinsicht schon seit längerem, denn sie stammen aus dem nordisch-idyllischen Hafenstädtchen Husum, nahe Hamburg. Das Bild einer, auf dem Deich grasenden, Schafsherde ist hier sicherlich nicht abwegig.

Aber kommen wir erst mal wieder zurück zur Ausgangsfrage, was den Menschen denn nun ausmacht. Vierkanttretlager finden darauf in ihrem Lied „Kein Mensch mehr“ eine eher ironische Antwort. So singen sie, unterlegt mit treibendem Beat und Basslauf, “Ich bin Mensch, ich muss so sein.“ Damit verurteilen sie die Ge- und Befangenheit der Menschen, sich unter dem Vorwand, sie hätten keine andere Wahl, nicht entfalten zu können.  Verzweifelt fragt die Stimme des Sängers Max Richard Leßmann: „Muss ich das noch? Macht mich das zum Menschen?“. Eine Antwort darauf gibt er uns  schon im nächsten Lied.  So singt er, dass wir uns befreit haben und nun keine Menschen mehr sind. – nämlich keine Menschen mehr im Sinne eines verfälschten Menschheitsbegriffs: Der Mensch wird zum Menschen durch die Gesellschaft, zumindest wird er erst dann so genannt, wenn er von dieser akzeptiert wird. 
Weiterhin formt die Gesellschaft das Individuum, wie der Mensch die Natur. Doch irgendwann, so prophezeien es die vier Husumer, bricht die Unterdrückte Instanz aus, das Individuum kann sich befreien und die Natur schlägt zurück.Wie nun genau dieser Rückschlag aussehen soll, verrät die Band nicht, aber vielleicht vermittelt Leßmanns klare und eindringliche Stimme dem Hörer eine gewisse Ahnung darüber. Spekulation dringend erwünscht.

Vierkanttretlager wollen in ihrem Album also darauf aufmerksam machen, dass wir uns noch lange nicht von dem Phenomen der Unterdrückung durch die Gesellschaft befreit haben. Und durch ihre Musik gehen sie noch weiter - der Hörer wird zum Weiterdenken angeregt; er soll sich selbst eine Lösung für dieses Problem ausdenken. Und genau hier liegt das Manko des Albums: Vierkanttretlager setzen sich mit dem gesellschaftskritischen Thema auseinander und wollen damit den Hörer dazu bewegen, umzudenken, stellen aber keinen Lösungsvorschlag vor.

Zum Ende gelangt der Hörer an das Stück „In jedem seiner milden Blicke“, das allein in Sprechtextform daliegt. Es ist ein Gedicht über das von der Gesellschaft gefangene Individuum, das Goethe selbst nicht schöner hätte formen können und es verleiht dem Album durchaus einen gewissen poetischen Touch.

Das Album endet nach all den ungemütlichen Mahnungen und Warnungen mit dem balladenähnlichen Lied „Gib deinem Leben keinen Sinn“. Musikalisch unterstützt von ruhigen Streicher- und Akkordeonklängen handelt es von der stetigen Wandelbarkeit des Lebens. Der Titel ist als Essenz und Fazit des Albums zu verstehen: Keine Chance auf Festgefahrenheit und Pläne bis ans Lebensende. Die Band nimmt dem Hörern etwas überspitzt und mit Augenzwinkern die gesellschaftliche Pflicht, seinem Leben zwanghaft einen bestimmten Sinn geben zu müssen. Ironie pur, na klar. Mensch sein ist ein Recht, keine Pflicht, dass haben wir inzwischen gelernt, denn Sinn sucht trotzdem jeder für sich. Warum machen die Husumer denn sonst schließlich auch Musik? Des Leben reflektierter zu betrachten und den persönlichen Sinn außerhalb der zu engen vorgeschriebenen Wege zu suchen ist das Erstrebenswerte.

Das alles packen die vier Husumer Landjungen mit gerade mal Anfang zwanzig auf ihre neue Platte - zusammen mit intensiven Beats, elektrischen Gitarrensounds und auch mit heimeligen Akkordeonmelodien, wie in dem Song „Fotoalbum“ . Dabei wirken sie zwar warnend, aber sicherlich nicht belehrend, was mit 20 auch eher unangebracht wäre.
Mit dieser Sichtweise auf die Dinge fährt das neue Album durchaus auf der Punkschiene - nur weicher verpackt.

Seit ihrer Debüt-EP „Penzion Kanonir“ im Jahr 2010 werden Vierkanttretlager bereits als die neuen Tocotronic gehandelt – diesem Ruf machen sie mit „Die Natur greift an“ alle Ehre und geben uns eine Message mit auf den Weg: „Du musst nicht kämpfen, musst nicht schreien, sei stolz genug, um Mensch zu sein!“ – Im unverfälschten Sinne, versteht sich. (Laura Biewald, hochschulradio düsseldorf)
 

Anspieltipps

Drei Mühlen, #1
Link:

Das neue Gold, #4
Link:

Fotoalbum, #6
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Keine Menschen mehr, #10
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Gib deinem Leben keinen Sinn, #12
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