Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 43/2011

Albumcover

Veronica Falls
Veronica Falls

Erster Höreindruck: Unaufdringlich, simpel gestrickt, niedlich. Entsprechend ist genaues Hinhören gefragt, denn das Debüt der englischen Band haftet sich nur scheinbar an die großen Erfolge der vielen Indiepop-Acts wie den Dum Dum Girls oder Pains Of Being Pure At Heart. Auf „Veronica Falls“ wird ganz unangestrengt und ohne Hipsterverdacht musiziert, was dieses Album sehr sympathisch macht.

Zunächst wird es aber ungemütlich. Im Eröffnungssong werden keinerlei Hippiemanieren bedient, sondern mit Hingabe einer misslungenen Liebschaft nachgetrauert. "Found Love In A Graveyard" beginnt düster und generiert eine schauerhafte Atmosphäre, die durch den teilnahmslos einsetzenden Gesang von Roxanne Clifford bestärkt wird, bis sich der Song als melancholischer Opener offenbart, der es vermag, gebrochene und ausgestoßene Herzen durch den Tag zu führen: "I´m Broken Hearted". Es ist genau diese Fusion aus dunklen und hellen Elementen, die das gesamte Album als spannungsreich zerrissen kennzeichnet.

Unterbau der Songs ist in der Regel ein kräftiges Schlagzeug und ein tiefer, nahezu versteckter Bass. So auch bei "The Fountain", in der Roxanne durch ihre so naiv charmante Stimme brilliert und klagt: "I lost my baby to the winter". Ihr Gesang wirkt teilweise so konzentriert, dass diverse melancholische Songzeilen schon wieder Distanz zum eigentlichen Inhalt einnehmen: Man mag der unschuldig und schüchtern wirkenden Frau Clifford bei Zeiten nicht ganz abnehmen, dass es ihr wirklich leid tut, den Hochzeitstag von – nennen wir es – Bekannten vergessen zu haben ("Wedding Day"). Und selbst wenn, das ist dies direkt verziehen. Die Rechnung geht nämlich immer auf: Hinter so viel perfekt inszenierter Unscheinbarkeit kann nur ein ausgeklügeltes Gespür und Kalkül für Eingängigkeit stecken. Immer wieder umarmen sich Cliffords Stimme mit meist unmittelbar einsetzenden maskulinen Backingvocals, die die Cleverness der Songarrangements ganz gezielt akzentuieren und einigen Passagen auch einen Hauch von Intimität verleihen. Die hält sich aber doch wieder in Grenzen, denn radikale Überraschungen oder Wendepunkte treten in den Songs eher nicht ein.

"Bad Feeling", eine der Singleauskopplungen, gibt sich sichtlich pessimistisch und zirkuliert um das eigentliche Hauptthema der Platte: Herzschmerz und immer auch ein wenig morbide Tagträumerei. Denn nicht nur im Opener werden Liebesgeister thematisiert, auch in jenem Stück gibt Clifford wieder ängstliche Zeilen ganz unbeeindruckt von sich: „Your face in the mirror is only getting clearer, when I close my eyes. […] Trying to remember, if you were even real“. Mag sein, dass die Dame mit ihrem größtenteils butterweichen Gesang ein wenig kokettieren will, mitunter vermutet man hinter ihrem Unschuldsgesang schon fast ein wenig Eskapismus.

Doch nicht nur textlich wird Hokuspokus betrieben: Geister der mindestens letzten 30 Jahre spuken im musikalischen Repertoire umher. Die Assoziationen häufen sich unentwegt und doch gestaltet sich eine konkrete popkulturelle Lokalisierung als problematisch: die Gitarren verdichten sich zwar und sind shoegazemäßig schichtartig getürmt, aber insgesamt ist der Sound dann doch zu clean produziert, um diesen Kategorisierungskriterien gerecht zu werden. Auch Noisepop, wie Velvet Underground ihn betrieben, wäre eine falsche Referenz, denn dafür ist die Band zu streng mit sich: Veronica Falls wollen jederzeit auch freundlich klingen. Melodisch markant, aber nicht so zuckrig wie Tweepop – schließlich sind sie alleine auch thematisch dafür zu düster. Einzig das Schlusslicht der Platte kommt sehr gelungen heiter und auch das erste Mal etwas ausufernder daher. Es scheint, als weist die Band diese Genre-Kategorie auch selbst von sich. Im Video zu „Bad Feeling“ wird nämlich ironisch ein altertümlich und antik anmutendes Buch verbrannt, das zu damaliger Zeit den symbolischen Vorboten für den Tweepop darstellte.

Überhaupt das Video! Vor der Buchverbrennung werden noch feierlich Blumen von der Band geschwenkt. Ein Bild, das den Zuschauer in Smiths-Zeiten schwelgen lässt und dann damit doch eine nostalgische Referenz findet, auch wenn das Debüt alles hat, was eine zeitgemäße Indiepop-Platte braucht: Eingängige, kurzweilige Nummern, charmanter Gesang. Eins sollte auch der eher postmodern betrübte Hörer feststellen, der sich sonst an Mangel an Innovation reibt: die Platte ist durchweht von einem gewissen mystischen Zauber und dabei dennoch unterhaltsam Spaß macht und die bösen Geister verjagt. (Philipp Kressmann, CT das radio)

Links: Veronica Falls | Facebook

Anspieltipps

Found Love In A Graveyard, #1
Link:

Right Side Of My Brain, #2
Link:

The Fountain, #3
Link:

Bad Feeling, #5
Link:

Come On Over, #12
Link:

Hier könnt Ihr Veronica Falls: Veronica Falls - Silberling der Woche 43/2011 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar