Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 50/2010

Albumcover

Tyvek
Nothing Fits

Ein kreischendes Baby sitzt in der Mitte eines Kreises aus wild Polka tanzenden und pogenden Punks. Jeder hat mächtig Spaß in dieser heruntergekommenen, von Powerchords und wilden Schlagzeugeinlagen durchfluteten Garage -besonders das Baby. Blöd nur, dass es in seinem Alter noch nicht anständig bis vier zählen kann und deshalb „4...3...1...2“ brüllt... Alles scheint ein wenig aus dem Ruder zu laufen. So ungefähr lässt sich Tyveks Sound auf den Punkt bringen;allerdings würde sich diese Szenerie nicht im kalt-weiß-nassen Winter, sondern vermutlich bei knallender Sonne abspielen.

Die Vierercombo Tyvek aus Detroit legt mit „Nothing Fits“ ihr zweites Album vor und dürfte dabei ordentlich grinsen, denn aus der Produktion ist viel Spielfreude herauszuhören. Allerdings: Wer angenehme und zurückhaltende Musikeinlagen bevorzugt, kann gleich einpacken. Was Tyvek liefern, ist sperrig, laut und mindestens so nervig wie der Wecker nach einer zu langen Nacht. Klar wird das spätestens, nachdem Sänger Kevin Boyer die Nummern der Single mittels kräftiger Stimmeinlage herauskatapultiert und die Gitarre nicht minder erbarmungslos einsetzt. Um Konventionen und Schönheit wird sich nicht geschert, sondern das durchgezogen, was laut. Zwar bleibt die korrekte Anzählung auf der Strecke, dafür liefert man fröhliche „ooohhhs“ en masse, die sich mit dem geknüppelten Schlagzeug und der Drei-Akkord-Gitarre in einen skurrilen Chor fügen. Kein halbes Zeugs hier.
 
Das ist auch eine Maxime, der auch „Potato“ folgt. Andere verpacken die Botschaft in wattigen, sanften Fünfminütern, nur um das eigentliche Thema dezent zu umschiffen und hier und da mal eine kleine Anspielung zu machen - Tyvek sind da direkter: „I want to/Make it/ I want to make it with you“. Präzision ist alles. Doch wer nach diesen Zeilen und Kevins stoßweisem Lufteinzug bei den Lyrics an ausgebuffte Typen in cooler Pose denkt, ist falsch beraten. Die vier Menschen optisch so gar nicht ihrer Musik, sind alles andere als angegammelte Garagenpunks. Vielmehr erinnern sie an introvertierte, verschrobene Nerds: Schlaksig, im Falle von Kevin bebrillt und in ihrer Bühnenpräsenz sowie Motorik doch eher zurückhaltend. Das macht eine solch eindeutige Botschaft, wie sie in „Potato“ vorkommt, schon wieder sympathisch und lässt den geneigten Hörer schmunzeln.
 
„Nothing Fits“ ist schließlich nicht mehr die Beschreibung eines Gefühls- und Stimmungschaos, sondern wandelt sich zur Selbstcharakteristik. Die Band ist eben alles andere als das, was man hinter diesem zerkratzten, wilden, strukturlosen Sound und dem Doktorspielchen-mit-dem Hund-Cover erwartet. Was aber nichts daran ändert, dass bei „Nothing Fits“ der Hörer keineswegs geschont wird, wenn die Lyrics mit dem repititiven „Fits/Fits/Nothing fits“ wie ein Schusshagel prasseln und sich in den Gehirnwindungen unweigerlich zu „Fists/Fists“ abwandeln. Das pausenlos eingesetzte Schlagzeug beginnt auch noch kurzerhand die Rolle eines noiselastigen Soundteppichs wortwörtlich einzuschlagen. Wer den idealen Song zum unbeschwerten Pogen oder die Hintergrundmusik für eine lustige Kneipenschlägerei gesucht hat -hier ist er.
 
Trotz aller Lautstärke und Aggressionen im Klangbild, immer wieder kommt diese Freude an der Musik ans Licht. Das für den Garagenpunk obligatorische Drei-Akkordschema wirkt so nicht lächerlich, sondern reißt vielmehr vom Stuhl und auf die Füße. Rasch   verstärkt sich der Reflex, wild durch die Gegend zu springen. Etwa zu „Outer Limits“, dem ersten Track auf „Nothing Fits“, der es über zwei Minuten Spielzeit bringt und -wenn das überhaupt bei Tyvek zutreffen kann- etwas mehr an Harmonie birgt. Träte der melodiöse Gitarreneinsatz nicht das erste mal auf, würde er vielleicht untergehen. Nach all den energiegepressten Unter-Drei-Minütern schreit er am Anfang von „Outer Limits“ aber geradezu nach Aufmerksamkeit - ohne diesen Wandel würde „Nothing Fits“ ernsthaft Gefahr laufen, in Eintönigkeit zu versinken.
 
Powerchords, Geschreddere und der unsaubere Sound per se sind durchaus schön und gut, doch trotz der Tatsache, dass man sich im Punkgenre befindet, ist es sinnvoll, den Hörer noch einmal spüren zu lassen: Diese Band spielt nicht nur Schlag-, sondern auch Saiteninstrumente. Und traut sich auch mal, den Verzerrer herunterzudrehen. Auch bei „Underwater 2“, ein guter Track. „Just do what you want/Do what you feel“, heißt es da: Kaum aber können die Lyrics durch das Soundgeflecht aus Boost, wilden Drums, geschlagenem Bass und überproportionaler Gitarrendominanz vollständig verstanden werden, was vielleicht auch ganz gut so ist: Nicht alles ist so tiefgründig, dass man es unbedingt hören möchte. So simpel die Instrumentalarbeit, so bescheiden die Texte. Trotzdem scheinen Tyvek penibel darauf zu achten, dass der Hörer die Parts verstehen kann, in der sie ihre Einstellung zu Tage fördern. „Die Hauptmessage ist einfach Spaß zu haben, es sich gut gehen zu lassen, man selbst zu sein, frei zu sein“, sagt Kevin. So einfach ist das Leben nach Tyvek, die also eher den Spaßpunks nahestehen als den politischen Vertretern ihrer Zunft.

Womöglich ist genau das der Grund, weshalb „Nothing Fits“   funktioniert, obwohl der Hörer kontinuierlich mit lautstarkem, dreckig produziertem Instrumentenwirrwar konfrontiert wird: Es ist dieses verschmitzte und glückliche Augenzwinkern. Die Band versucht erst gar nicht, etwas zu werden, was sie nicht ist. Genauso wenig wie da kommerzialisierte schick-rebellische Punks auf der Bühne eines kleinen Clubs stehen, gibt es komplizierte und ausgefeilte Melodiebögen, guten Gesang oder technisch wechslungsreichen Instrumenteneinsatz. Aber das ist gut, denn die Freude und die Message kommen auch so über die Bühne. Wer braucht eine Gesangsausbildung, wenn Schreien und Sprechen ohnehin viel besser in die Musik passen? Weshalb ein Akkordreportoire von fünfzig Griffen haben, wenn sowieso nur drei davon für einen Song gebraucht werden? Weshlab ein Drummer wie ein Uhrwerk, wenn das Schlagzeug blechtrommelartig klingen kann? Mit der Konzertgeige geht man schließlich auch nicht in die dreckige Garage. Tyveks Einstellung, lautet vermutlich: „Wir sind, wer wir sind und -scheiße- wir machen das, was wir wollen.“ Tyvek können nichts, aber das besonders gut. (Hannah Seichter, CampusFM)
 
 

VÖ: bereits erschienen

Links: Band | Label

Anspieltipps

4312, #1
Link:

Potato, #3
Link:

Nothing Fits, #5
Link:

Outer Limits, #6
Link:

Underwater 2, #8
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