Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 37/2012

Albumcover

Two Gallants
The Bloom And The Blight

Ausufernde und überdurchschnittlich lange Songs, die von der weiten Prärie handeln, leidenschaftlich von Abenteuern erzählen, mal aus der Sicht eines farbigen Arbeiters (beziehungsweise Sklaven), dann aus der Perspektive eines Landstreichers. Der Soundtrack für die Prügelei in irgendeinem Salon irgendeines Westerns. Das in etwa haben einige im Kopf, wenn sie an das bisherige Schaffen von Two Gallants denken. Nun folgt das vierte Album. Two Gallants haben unter anderem Conor Obersts Indie-Elitelabel Saddle Creek verlassen, der Schmerz ist geblieben.

Das mag mitunter auch an einem schweren Busunglück liegen, das Sänger Adam Stephens traf. Mehrere Knochenbrüche sorgten dafür, dass "The Bloom And The Blight" das Licht der Welt später als geplant erblickte und insgesamt ungemein rau klingt. Verbitterung und Unbehagen waren quasi vorprogrammiert. Adam Stephens kreischt und singt sich bereits im Opener "Halycon Days" die Seele aus dem Leib. Diesmal legt das Duo in einer für ihre Verhältnisse ungewohnt kompakten Form in einer gerade mal halben Stunde zehn Stücke vor, die aber allesamt stets die gewohnte Katharsis vollziehen. Dabei schielen Two Gallants immer mehr in Richtung Country und Blues. In der bluesig angehauchten ersten Singleauskopplung "My Love Won't Wait" klingt Stephens sogar ein wenig nach den Black Keys, das rumpelnde "Ride Away" wiederum offenbart den Grungeappeal der Band, "Decay" – das erste Stück in der Bandgeschichte, in dem Drummer Tyson Vogel die Hauptrolle übernimmt –  präsentiert sich wie auch das Schlusslicht "Sunday Souvenirs" in rein akustischer Manier.

So entsteht eine Americana-Mischung ähnlich der von Ex-Label-Kumpan Conor Oberst und der Mystic Valley Band. Doch abgesehen davon, dass "The Bloom And The Blight" kratziger und dunkler erscheint, ist es vor allem die Entwicklung der Songstruktur, die sich oft trotz Eingängigkeit und Einprägsamkeit einer geschlossenen sowie eindeutigen Genrezuschreibung entzieht und nur Tendenzen verrät. "Halycon Days" ist nämlich nur so lange rauer Grunge, bis weiche Gitarrensoli einsetzen, "Song Of Songs" klingt nur zu Beginn nach harmonischem Country, danach hagelt es ungeschliffenen, verzerrten Gitarrensound, zu dem Vogel seine Drumsets unbarmherzig verprügelt. Zur klassischen Mundharmonika und Percussion wird nur in "Broken Eyes" gegriffen, ansonsten dominiert ein dichter Gitarrensound, der perfekt zu der Gebrochenheit und Verzweiflung von Stephens' Schreigesang passt, der aber auch im sensiblen Modus überzeugen kann.

In all dem Schmutz und Staub ist dann doch noch Platz für einen harmonischen Moment. Beispielsweise in "Sunday Souvenirs", in der Stephens schon fast pathetisch singt: "Memories, memories of what I gave away. Lost love, all the love that's lost and gone away. (...) Memories, memories is all I have today." Das ist zwar nicht so viel positiver als die Erkenntnis "I never learned from anything I have done" (aus "Crow Jane" vom 2008er Album "The Throes"), aber erscheint durch die helle Klavierbegleitung doch um einiges versöhnlicher. Welche Erinnerungen da konkret gemeint sind, liegt allerdings nicht mehr so offen wie auf den Vorgängern. Das Abenteuer-Storytelling ist persönlicheren, abstrakteren Texten gewichen. Teilweise unspektakulär wirkt deswegen der Sound. Denn wiederum logisch: In zweieinhalb Minuten gibt es wenig Möglichkeit für einen Spannungsaufbau, keine Schießerei, kein Blutvergiessen, nicht endlos Raum für viel Plot. Dennoch überzeugt "The Bloom And The Blight" insgesamt mit seiner kompromisslosen Rau- und Direktheit, dank der Two Gallants einmal mehr ein gelungenes Rockalbum hervorgebracht haben. (Philipp Kressmann, CT das radio)

Anspieltipps

Halcyon Days, #1
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Broken Eyes, #4
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Ride Away, #5
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My Love Won't Wait, #3
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Sunday Souvenirs, #10
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