Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 14/2009

Albumcover

Two Fingers
Two Fingers

Man sagt gerne mal, dass viel auch viel bringe. Eine der größten Lügen der Menschheitsgeschichte! Jedoch gibt es auch Sachen, auf die diese Weisheit zutrifft. Eines davon ist das Album „Two Fingers“ von Two Fingers. Was aber sind das für Leute und warum machen die eigentlich viel Musik und warum bringt das auf diesem Album auch viel?

Nun, Two Fingers, das ist der mittlerweile in Montreal ansässige Amon Tobin, der lange in London gewohnt hat und in Brasilien geboren wurde. Amon ist musikalisch im Drum ´n´ Bass und elektronischen Gefilden zu Hause und ist bekannt als Experimenteur und Soundtüftler. (Nebenbei sei hier abgeraten, sich das Album anzuhören und gleichzeitig www.amontobin.com zu besuchen. Das ist so schon abgefahren genug ohne die Musik von Two Fingers im Hintergrund.) Der Zweite Finger ist Joe Chapman, ein Künstler aus dem Jungle-Musikfeld. Als sei das nicht Umtriebigkeit genug, begrüßen wir auch noch die Dancehall-Queen Ce’Cile und Sway zu dieser illustren Runde, die den düsteren Beats ihre Stimmen leihen. Diese Tatsache führt dazu, dass sich das Album grob zwischen die Stühle „Elektro“ und „HipHop“ setzt – und auch Ausflüge in den Worldfunk und Dancehall nicht scheut. Aber das kratzt dann aber wirklich nur ganz leicht an der metallisch-schimmernden Oberfläche. Das Album ist durch und durch experimentell und aufregend. Manche würden sagen anstrengend. Wir sagen: Fordernd. Denn gibt man dem Album und den Lyrics von Sway eine Chance, merkt man sehr schnell, dass sich jedwede Beschäftigung lohnt. Wegen der sehr eigenen Ästhetik. Wegen den kritischen Lines von Sway. Wegen dem Freiheitsdrang, sich nicht in ein Genre einordnen zu lassen.

Es Clubtracks wie „Bad Girl“ (der Missy guten Tag sagt) und „Doing My Job“, die mit superschweren Bassbomben daherkommen und trotz nächtlicher Atmosphäre durchaus ihre Qualitäten auch in der Blackdisco beweisen könnten. Der Rest ist meist kleinteiliger, progressiver, düsterer. Freunde von El-P dürfte dieser Entwurf gefallen: Mit einer futuristischen Optik ausgestattet, kommt dieses Album ganz neuartig und zeitgemäß daher. Die Basslinien sind meist breit und stumpf, klirrend und kickend die Details. „High Life“ ist dabei der experimentelle Höhepunkt des Albums. Unverständlich, schnell, einnehmend, musikalisch rau, verwegen und kompromisslos. Dieser Track hebt sich selbst von dem gesamten Album ab wie Hubschrauber vom Boden bei dem der Autopilot nur darauf eingestellt ist, noch mehr Höhe zu gewinnen. Die unzertrennliche Verbindung von Elektro und HipHop zeigen „Keman Rhythm“ und „Moth Rhythm“ auf. Keman ist Türkisch für Violine und das hört man auch raus. Eine gelungene Mischung aus anspruchsvollen Beats und dem zarten Spiel einer Geige. Irgendwo unter dem Tonwust. „Moth Rhythm“ erinnert an frühere Entwürfe Amon Tobins, ist Dub-lastig und wenig organisch.

Sways Lyriks behandeln dazu Probleme schwarzer Jugendlicher im Speziellen und Missstände im Allgemeinen. Richtig philosophisch wird es jedoch nie: „Lend money to a friend, he becomes your enemy“, heißt es in „Jewels & Gems“ eher lakonisch als richtig vorwürflich. Das musikalische Arrangement dieses Songs schafft eine nachdenkliche aber wie immer sehr künstliche Atmosphäre, das die urbane Kälte einfängt, die von den Glasflächen der Wolkenkratzer abperlt. Und gerade diese elaborierte Ästhetik zwischen Dreck und glattem Metall macht dieses Album besonders. HipHop aus und für das 21. Jahrhundert. (Philipp Beckonert, RadioQ)

VÖ: 03.04.2009

Künstler: http://www.myspace.com/2wofingers | Label: http://www.bigdada.com/

Anspieltipps

  • Better Get That, 03
  • Jewels & Gems, 07
  • Doing My Job, 10
  • Two Fingers, 04
  • What You Know, 02

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