Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 29/2012

Albumcover

Twin Shadow
Confess

Bescheidenheit sieht anders aus. Als „good looking guy“ bezeichnet sich Wahl-Brooklyner George Lewis Junior aka Twin Shadow selbstbewusst. Und wer schon mal das Glück hat, phänotypisch derart von der Natur begünstigt zu sein, lässt sich dann auch gerne mal in einer kokett-ernsten Pose für das eigene LP-Cover ablichten. So viel Spaß muss schließlich sein.

Das Ego von Herrn Lewis dürfte die Geister spalten, kommen doch einige Zweifel auf, ob der Mann das Leder-Outfit, die mit Pomade getränkte Frisur und das mächtige Goldkettchen wirklich ernst meint. Immerhin passen Aussehen und Musik konzeptionell bestens zusammen – Lewis lässt sich nicht in seine Ideen reinreden: Er hat “Confess“ komplett im Alleingang produziert. Das Debüt “Forget“ (2010) war noch mit der Unterstützung von Chris Taylor (Grizzly Bear) entstanden, was bereits andeutet, wie vielseitig die musikalischen Einflüsse sind, die Twin Shadow zulässt. Das schärft das Bild von Lewis als eine Summe von Glamour, extrem starken Selbstbewusstsein auf der einen und eben doch ein wenig Experimentierfreude auf der anderen Seite.

“Confess“ ist eine glitzernde Gesamtinszenierung mit Retro-Discosound, klassischem Rock, ein wenig New Wave, R'n'B und manchmal beinahe schon zu kitschigen Percussionsampels, die bevorzugt wie ein Goldregen klingen und nicht selten an den frühen Prince erinnern. In den Texten geht es um die Allerweltsthemen Freundschaft und Beziehungen, stets gebettet in smoothe Melodien und Lewis' schmeichelnde Stimme. In dieser Hinsicht erinnert “Confess“ an andere R'n'B-Platten, allerdings wird immer noch ein minimales Understatement gepflegt. Wo Leute wie Drake oder Usher schon schmerzhaft durchproduziert und alles andere als glaubhaft klingen, rettet Twin Shadow seine Authentizität mit seinem Gefühl für den richtigen Moment. Tauchen einmal schnelle und tanzbare Percussion-Sampels auf, wird das restliche Tempo wie etwa in “Patient“ gedrosselt, statt geradeaus und schnell durch den Song zu hechten. Dabei entstehen alles andere als kurzweilige Chartshits: Die Melodiebögen haben Zeit, sich langsam in die Gehörgänge zu schleichen; die Songs gewinnen an Signifikanz.

Wo die Lyrics und der stimmliche Einsatz nicht wirklich herausragend sind, tut es der sich wechselnde Takt, kurz: die gewaltigen Rythmen. Das ist es dann auch, was “Confess“ für Nicht-Schmachtende interessant macht. Es gibt eben nicht nur den leidigen Herzschmerz oder die in Romantik gekleidete, implizite Aufforderung zum spontanen Sex (“Be Mine Tonight“), sondern auch durchaus unübliche, abgeklärte Zeilen, die über jegliche Wehmut erhaben sind und von düster-dumpfen Bass-Synths getragen werden: “I don't believe in you / You don't believe in me / So how could you make me cry“, singt Twin desillusioniert und wütend in der Single “Five Seconds“. Damit knüpft er nicht nur schlüssig an die Weltschmerz-Atmosphäre von „Forget“ an – da wundert es auch kaum, dass er nach eigenen Angaben große Hochzeiten zwar liebt, aber gleichzeitig in Frage stellt, ob ernsthafte Partnerschaften überhaupt gesund sind oder ein aufeinander abgestimmtes Leben nicht doch mehr schadet als nützt.

Frauenherzen zu erobern, ist also – jedenfalls auf längere Sicht – nicht Sinn der Sache. Ein Statement, das auf “Confess“ klar verfochten wird. Der Witz an der Geschichte ist allerdings, dass die Message nur dann auffällt, wenn man sich näher mit dem Werk beschäftigt und hinter die glamourös-poppige Klangkulisse blickt – statt auf den melodiösen Discosound einmal auf den Tenor der Lyrics achtet und sich da plötzlich diese stumpfe Emotionslosigkeit bildet. Twin Shadow sagte einmal, ihm gehe es darum, Musik zu machen, an die sich die Leute später noch erinnern. Damit beantwortet er gleichzeitig die Frage, wie sich eine von Gefühlen getragene Einheit wie die Musik mit mäßig vorhandenen Gefühlen vereinen lässt: Er liebt das Musikmachen einfach so sehr, dass diese Freude jede andere Kälte kaschieren muss.

Letztlich ist “Confess“ in zweierlei Hinsicht eine Disconacht. Sie kann unbeschwert sein und Spaß machen, gleichzeitig hinter der zunächst frohen Fassade aber unglaublich abgeklärt und emotionslos sein. (Hannah M. Seichter, CampusFM)

Anspieltipps

Five Seconds, #03
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Golden Light, #01
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You Call Me On, #02
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Patient, #07
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I Don't Care, #09
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