Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 39/2008

Albumcover

TV On The Radio
Dear Science

Es ist ein trostloser Anblick, wenn die Pigeon-Lady, eine alte Frau in abgewetzter Kluft, auf dem Jackson Square die Tauben füttert. Tag für Tag, ein Armutsleben lang. Nicht weit entfernt baut das selbst gebeutelte Investmentkapital neue Firmenzentralen und saniert die heruntergekommenen Häuser zu geräumigen Lofts. Arm und reich, Aufstieg und Abrutsch, vergangen und modern, ranzig und cool – New York bleibt trotz der Hipness von London oder Berlin immer noch die Metropole, in der das Leben in dramatischen Akten seine tollkühnsten Windungen vollführt. Alles kann, nichts muss – und alles ist vermutlich anders, als man denkt.

In New York hat das Leben seine Geschichten verloren. TV On The Radio haben sie gefunden. Alles, was es dazu bedurfte, waren kritische Blicke, die die kulturellen und sozialen Spannungen ihrer Stadt aufgesogen haben - und das in einer aufgeklärten und eher europäisch-realistischeren Sichtweise der Dinge. Klar auch, dass die musikhistorische Kraft der Stadt immer noch mit einer offenen Ader ihre Nachkommen labt. Spätestens seit ihrem 2006 erschienenen Album „Return To Coockie Mountain, sind sie längst kein Geheimtipp mehr, weil ihre erfrischend kopflastige Mischung aus klassischem Indierock, der souligen Stimme Tunde Adebimpes und verquerer Elektronika nicht nur ungewohnt gehaltvoll und vetrackt daherkam, sondern mit lässigem Stil und Kunstverdacht auch die Modeavantgarde auf sich aufmerksam machte. Selbst der altgediente David Bowie schwang sich auf, Lorbeeren zu verteilen, weil er, der in jederlei Hinsicht ausgemergelte Musikrentner, nicht ganz zu Unrecht Parallelen zu Bowie ’70 oder Roxy Music ’72 ausmachte.

„Dear Science“ weckt mit den ersten Takten und macht sogleich klar, dass die Müdigkeit, das Ausruhen und das Erstarren in ihr Schaffen noch keinen Einzug gehalten hat. Vielmehr vermag der durchaus poppig-melodiöse Einstieg die Visitenkarte des Albums sein. Verschroben, wild gezackt und biestrig waren TV On The Radio zwar nie, aber „Dear Science“ entdeckt den neune Mut zur Eingängigkeit - auch wenn man den Kosmos der Band nicht verlässt. Denn was da auf den Hörer einprasselt, ist immer noch gespickt mit Falltreppen, verschwommenen Ecken, wirren Windungen und eine Paradebeispiel in Sachen falscher Fährten. TV On The Radio haben einen künstlerischen Anspruch, dem sie gerecht werden ohne aufgezwungen avantgardistisch zu wirken. Die Chöre, die sehnsuchtsvollen Melodien, das Treibende der Elektronik, die doppelbödige Instrumentalisierung – die New Yorker sind weiterhin die Könige in der Welt der erlebnisreichen Klänge, was „Dear Science“ spannender als ein Besuch im Phantasialand macht.

Die tanzbare Single „Dancing Choose“ wirft ein Blick hinter menschliche Fassaden. Ungeschminkt, hektisch, politisch und mit einer Fülle an Instrumenten, die den eigenwilligen Sound der Band ausmacht: Trompeten, Geigen, klassische Rockband-Staffage, Keyboards und Drumcomputer. Dabei tönen die Songs nie unnahbar, gewollt androgyn oder quietschig bunt. Vielmehr ist das Bedrohliche und Düstere nie weit vom Kern der Lieder entfernt, was sicherlich dazu beiträgt, dass das komplette Album als homogene Einheit wirkt, die selbst so harmlose und eingängige Balladen, wie das melodiöse „Family Tree“, sehr gut in das Gesamtkonzept integrieren. Die ursprünglichen Einflüsse sind weit gestreut, generieren sich aus Soul und Punk, Funk, Indie und Rock. TV On The Radio wissen um die Macht der Einzelteile und verbinden geschickt die Elemente zu ihrer ganz speziellen, abgefahrenen und teilweise affektierten Mischung, ohne dass die Experimente erschlagend wirken. „DLZ“ verkriecht sich beispielsweise in eine Atmosphäre des Düsteren und umklammert mit tiefen Keyboardflächen die textlichen Anklagebänke. Das tolle „Shout Me Out“ hingegen konterkariert die gehächselten Drumcomputerparts mit konventioneller Songstruktur und mitsingfreundlichen Melodien. Die Band hat gelernt, eine gehaltvolle Balance in ihren Stücken zu implementieren.

Und so scheinen TV On The Radio aufgrund ihrer stilistischen Offenheit in der vorteilhaften Position, sich in alle Richtungen auch in Zukunft orientieren zu können. Noch mehr Gewusel, noch mehr zerfranstes Durcheinander, noch mehr raffiniertes Tanzgebahren? Möglich. Vielleicht geben aber auch die Nebentätigkeiten von Kyp Malone oder David Sitek (der erst kürzlich das Debüt von Scarlett Johansson produzierte) den Ausschlag. Dann brennt die soulige Lunte noch ein bisschen Kürzer, bis die Stimme selbst in Flammen steht. Oder die süßliche Schwelgerefrains werden noch mehr in Zuckerwatte aufgefangen? Vielleicht tun sie es aber auch Bloc Party gleich und verbiegen ihr Können unter der Last von ekstatischer Elektronik? Alles kann, nichts muss.

Es bleibt die Gewissheit, dass „Dear Science“ ein überaus intelligentes und vollends eigenständiger Popentwurf ist, dessen Koordinaten nachzuzeichnen in einem Wirr aus kurvigen Schleifen enden muss. Dabei ist das Fordernde nur ein Garant für die Langlebigkeit und die Aufforderung, die musikalischen und weltlichen Nebenstraßen mit aufmerksamen Blicken zu entdecken. Die Symbiose aus Zeitgeist und wachem Musikgedächtnis schlägt dabei Brücken und reicht die Hände zumindest ein bisschen mehr als die beiden ebenso lohnenswerten, wenngleich nicht so strukturierten und ausgereiften Vorgänger. (Markus Wiludda, eldoradio* + Ahu Gür, CampusFM)

VÖ 19.09.2008

Band: http://www.tvontheradio.com | Label: http://www.4ad.com/

Anspieltipps

  • Dancing Choose, 03
  • Red Dress, 07
  • DLZ,10
  • Halfway Home, 02
  • Shout Me Out, 09

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