Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 38/2011

Albumcover

Tropics
Parodia Flare

“And we walk through time and tide like freaks” sangen Tocotronic 2002 in ihrer Single “Hi Freaks.” Mit der Band hat der dieswöchige Silberling nun wirklich kaum etwas gemeinsam, aber dieses evidente Gefühl einer Schwerelosigkeit, sich in einer Art Tagtraum zu befinden und sich ohne Raum und Zeit fortzubewegen, erzeugt auch das Album “Parodia Flare” von Tropics. Auf der Scheibe werden Klangwelten durchwandert, in denen die Grenzen fließend sind und man trotz dieses Schwebezustandes doch irgendwie ganz bei sich selbst ist.

Hinter „Tropics“ steckt keine Band, sondern lediglich ein Künstler. Chris Ward spielt auf seinem Debüt „Parodia Flare“ Gitarre und Schlagzeug; bedient Synthies und sorgt ebenso für elektronische Klänge. Es handelt sich also um eine Fusion von analogen als auch digitalen Klängen. Für den Gesang sorgt Ward nebenbei auch noch, allerdings sind einige Stücke auf dem Album auch rein instrumental. Insgesamt operiert Ward mit einer Stilvielfalt, die das Album schwer in ein mit klaren Konturen ausgestattetes Genre subsummieren lässt.

Das Album soll lediglich in einem begehbaren Kleiderschrank in Wards Haus aufgenommen worden sein. Herausgekommen ist dabei eine Sammlung von komplex strukturierten Songs, die durch einen reinen Klangdschungel einen traumähnlichen Rausch produzieren. Mittels eingängiger Synthies, gelegentlichen Jazzpassagen, einem insgesamt warmweichen Schlagzeug und einem dominant, aber simultan verspieltem Bass erzeugt „Parodia Flare“ Klanglandschaften, die ineinander übergehen, sich gegenseitig verwischen und niemals statisch sind. Wards Debüt zeichnet sich durch ein unheimliches Visualisierungspotential aus. Das wird schon beim Albumcover deutlich: Verschiedene Grundfarben, jeweils einzeln nochmals modifiziert, gehen unbemerkt ineinander über und konstituieren eine harmonische Synthese. Alles ist im Fluss.

Das gilt nicht nur für die Stücke, die ganz ohne Lyrics aufkommen, sondern beispielsweise auch für die erste Singleauskopplung „Mouves“ (die direkt auf das Intro „Navajo“ folgt), auf der sich der sanfte Gesang Wards auf einem verträumten, aus dezenten Bass und abermals weichem, aber tonangebenden Schlagzeug gestrickten Klangteppich ausbreiten kann, um dann mit einem Echo diese einheitliche Mixtur kurz zu unterbrechen. „I´ve been patient with you“, erklingt es dann verhallt in der Songmitte. Jene Songpassage inauguriert in gewisser Hinsicht schon die Grundlinie des Albums. Geduldig, das muss ein Hörer mit diesem Werk auch sein. Nicht aufgrund fehlender Eingängigkeit, aber nach einmaligem Hören gerät man allzu leicht in die Versuchung, die einzelnen Tracks als zu ähnlich einzustufen. Zugegeben, Abwechslung ist für „Parodia Flare“ nicht gerade charakteristisch. Aber man muss versuchen, einen omnipotenten Blick über diese sphärische Klanglandschaft zu erlangen. Erst dann wird man die versiert subtil gestaltete Detailverliebtheit der Platte erkennen.

Das Album erscheint wie aus einem Guss. Alles plätschert und fließt vor sich hin; entspannt reichen sich verschiedenste Elemente die Hand und betäuben sanft den Hörer. Das lässt sich an der Instrumentalnummer „Celebrate“ sehr schön exemplifizieren: Ein luftiger und dezenter Dub Track, der von einem schüchternen Schlagzeug angeführt wird und von echolotartig wiederkehrenden ekstatischen Entspannungsseufzern begleitet wird. Auch „Going back“ brilliert mit meditativen Passagen. Eine infantile Keyboard-Melodie, die perfekt mit Wards unaufdringlich, aber konzentriert wirkender Stimme harmoniert. „Figures“ offeriert ebenfalls eine entspannte Atmosphäre: man meint, Wasser fließen zu hören, langsam setzen digitale Loops ein und verweben sich mit Chris Wards nahezu geflüstertem Gesang. Alles klingt natürlich: Jedes Element hat ein Eigenleben, aber lebt in friedlicher Koexistenz mit den anderen.

„Parodia Flare“ ist ein gelungenes Album, dessen Tracks mit einer Leichthaftigkeit verschiedene Genres durchlaufen und vollkommen unverkrampft digitale und analoge Soundmuster miteinander verknüpfen. Viel scheint verschwommen, saugt den Hörer völlig auf und wirkt durch die insgesamt verträumte Konzeption teilweise ein wenig ziellos. Das ein oder andere Ufer kommt einem bereits bekannt vor, dennoch mündet „Parodia Flare“ niemals in einer Beliebigkeit. Das Album setzt Sehnsüchte frei, die einem vorher noch gar nicht bewusst waren. Ein Werk mit offenen Enden. Und neuen Anfängen.  (Philipp Kressmann, CT das radio)

VÖ: 30.09.2011

Links: Tropics | Label + Stream

Anspieltipps

Figures, #7
Link:

Telassar, #8
Link:

Mouves, #2
Link:

Parodia Flare, #3
Link:

Going Back, #4
Link:

Archiv aller Silberlinge

radiobar