Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 29/2011

Albumcover

Touché Amoré
Parting the Sea Between Brightness and Me

 Alles verläuft irgendwie in Kreisen, musikalische Trends machen da keine Ausnahme. Hypes wiederholen sich genauso wie die Geschichte. Schlimm ist das nur selten. Ganz im Gegenteil. Im Nachhinein kann man dieser Vorausschaubarkeit sogar einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen. Im Fall des dieswöchigen Silberlings sollte man sich einfach mal die Trends innerhalb der Hardcoreszene anhören. Ein Großteil der Bands in den letzten Jahren folgte dem Prinzip 'Stumpf ist Trumpf'. Namen wie Parkway Drive, Bring Me The Horizon oder As I Lay Dying standen und stehen für formelhaftes und uninspiriertes Gebolze. Inhaltlich wie auch musikalisch war die Sache rückwärtsgewandt und mehr an Äußerlichkeiten als an einem gehaltvollen Inhalt interessiert.

Natürlich gab es auch Ausnahmen die diese Regel bestätigten, aber das Interesse von Publikum und Medien galt zum größten Teil eben diesen Metalcore- und sogenannten Bollo –Combos. [Bollo-Exkurs: Besonders aggressiver Hardcore, zu dem Anhänger nicht tanzen, sondern eher eine Art Kampfstil praktizieren, bei dem wilde Kickbox-Elemente von tragender Bedeutung sind] Ähnlich wie Mitte der Achtziger und Anfang der Neunziger scheint es aber langsam eine Übersättigung zu geben. Die Aufmerksamkeitspanne für Dumpfbacken scheint überreizt und immer mehr smarte Musiker treten in Erscheinung. Erleben wir in diesen musikalischen Breiten eine Renaissance von Verstand und Spitzfindigkeit?
 
Ein Beispiel für diesen Trend sind aktuell Touché Amoré. 2007 gegründet haben die fünf Jungspunde aus L.A. nicht viel Zeit gebraucht, um sich in den Fokus der Metalcore- Community zu spielen. In vier Jahren haben sie mehrere großartige EPs sowie 2009 ihr szeneintern abgefeiertes Debüt „...To The Beat Of A Dead Horse“ veröffentlicht. Größere Beachtung wird ihnen aber erst jetzt durch ihr zweites Album „Parting The Sea Between Brightness And Me“ zuteil. Der Wechsel zum renommierten Deathwish-Label dürfte da keine unbedeutende Rolle gespielt haben. Das Label von Jacob Bannon gilt schon seit geraumer Zeit als Garant für Qualität. Auch im Fall von Touché Amoré beweist Mister Bannon einen guten Riecher: Gewitzter Post-Hardcore, der nie zu verkopft wirkt und trotz allem Tiefgang noch immer genug Pfeffer im Arsch hat, um zu unterhalten.
 
Beeindruckend wie viele Einflüsse die Band in knapp einundzwanzig Minuten unterbringt. Die dreizehn Stücke beweisen, dass Touché Amoré ihre Hausaufgaben gemacht haben. Egal ob technisch versierte Breaks, effektive Melodiebögen oder eine auf den Punkt gespielte Rhythmik, „Parting The Sea Between Brightness And Me“ enthält sämtliche Zutaten um zu begeistern. Natürlich ist hier nichts wirklich neu, aber so frisch wird uns Altbekanntes nur selten vorgesetzt.
 
In der Kürze liegt die Würze: Die Band schafft es, von einer Ausnahme („Face Ghost“) abgesehen, ihre Kreativität in ein hautenges, die 2 min Grenze nicht überschreitendes, Zeitkorsett zu prügeln. Das passiert meistens auf eine sehr treibende Art und Weise, was trotzdem aber nur an wenigen Stellen in wirkliche Hektik („Uppers/Downers“) umschlägt. Konträr gibt es aber immer wieder Momente, in denen die Band mal einen Gang runter schaltet, um sich und dem Hörer etwas Luft zu gönnen. Songs wie „The Great Repitition““ oder „Amends“ vermitteln ein aufgekratztes Wechselbad zwischen Zorn, Hilflosigkeit und Resignation. Eine passendere Grundlage, hätte Jeremy Bolm für seine schwer im Magen liegenden Texte nicht finden können. Dunkel, deprimierend und schön zu gleich. Gerade die lyrische Komponente hebt das Album nochmal hervor. Hier hätte der Herbst wohl besser zur Veröffentlichung gepasst. Nachdenklich wäre ein gnadenloser Euphemismus, für die Zeilen die Bolm hier abliefert. „Codolences“, „Art Official“ oder „Home Away From Here“ sind mit schwarzer Tinte aufs Papier gebracht und doch kommt der Sänger nie zu weinerlich rüber. Es ist eher eine angenehme Mischung aus Wut und Verzweiflung, wenn er über niemals zu erfüllende Erwartungen, selbstgewählte Isolation, ein eher ernüchterndes Selbstbild oder die eigene Beerdigung nachdenkt. Die Passage „I feel what's best for everyone, is to forget about me when I'm gone” aus “Pathfinder” ist da noch einer der positiveren Momente.

In Verbindung mit der Musik ergibt das Ganze ein Album, was sich angenehm vom 'schneller, lauter, härter' Gekasper abgrenzt, ohne dabei zu tief in die Nachdenklichkeit abzudriften. Anstelle von einem überhöhten Testosteronspiegel gibt es hier einfach nur Adrenalin. Irgendwo zwischen Bands wie Modern Life Is War und Stand Still beweisen Touché Amoré, dass intelligenter Hardcore nach wie vor eine angenehme Alternative zur hirnlosen Bollo-Variante für Kickboxer und Bodybuilder ist. Das funktioniert zumindest eine Zeitlang, denn irgendwann wird auch das wieder langweilig sein, und man holt wieder sehr gerne seine alten Madball-Platten aus dem Schrank. (Lars Koch, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 15.07.2011

Links: Band | Myspace | Label

Anspieltipps

Pathfinder, #2
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Art Official, #4
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Home Away From Here, #12
Link:

Sesame, #9
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Condolences, #11
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