Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 30/2005

Albumcover

Too Strong
Dreamachine

1989. Der Aufstieg Dortmunds zu Graffiti-Hauptstadt Deutschlands manifestiert sich an den Wänden. Bunt und aggressiv werden Tags gesetzt, Pieces gekonnt inszeniert und ganze Bahnlinien der Writing-Kultur unterworfen. Train-Bombing wird in den vielen Depots am Knotenpunkt Dortmund Hauptbahnhof zur Mutprobe und Profilierung des Untergrunds, der nächtens agiert und so tagsüber umso auffälliger in Erscheinung tritt. „Rabenschwarze Nacht“, Too Strongs Debüt-EP, war in dieser Zeit der Soundtrack für alle Sprayer - düster und überlegen, das musikalische Pendant zum Ausdruck aus dem Cap der Lackdose. Und das Fundament des lokalen wie überregionalen Erfolgs.

Was als dogmatisches, englischsprachig orientiertes Projekt begann, wurde schnell zum Aushängeschild des deutsch rappenden Aufbruchs der Szene. Diese Neuorientierung ging einher mit dem Wechsel zu mehr Toleranz und Offenheit, die sich auch ideologisch Raum verschaffte: Die Silonation war geboren. Dabei ging es nicht nur um die Kultivierung von Tiefgründigkeit und Respekt, sondern eben auch um den freien musikalischen Ausdruck und ganz sicher um die Etablierung von Jams und HopHop-Kultur in diversen Kellerclubs, Wohnheimzentren oder Hinterhöfen zur Potenzierung der Glaubwürdigkeit. Die HipHop-Szene in Dortmund stand dabei immer im Austausch, war nie nur regional beschränkt, auch wenn die Bekanntheit anderer Hochburgen des HipHops oftmals die Blicke auf sich richteten und dies durch Innovation unterstrichen. Im Ruhrpott zählten seit jeher andere Wertmaßstäbe. Die Verbundenheit mit der Region, der Stadt, der Menschen und deren Geschichten ließ dabei den Kolorit unter Einflüssen der Vergangenheit düster gefärbt zurück. Dortmund, als Melting Pot unterschiedlichster Migrationsfamilien, Arbeiterstadt, Kumpelattitüde und bergmännischer Wagnis. Eine Szenerie des Umbruchs nach dem Ende der Kohleindustrie, des Neuanfangs und ein wenig der unmittelbaren Niedergeschlagenheit, die sich sowohl auf die Beats, als auch die Texte von Pure Doze, dem Langen und Beatmaster Funky Chris ausgewirkt haben. Nicht immer nur offensichtlich im Vokabular, sondern als unbewusstes, atmosphärisches Moment.

Und das hat sich auf ihrem Comeback „Dreamachine“ selbstredend fortgesetzt: Ruhrpottslang und eine angenehme Zurückhaltung und Ehrlichkeit. Nach dem Ausstieg des „Langen“ noch vor der Fertigstellung der letzten Albums „Royal TS“, hat sich das Trio nach vier Jahren der Abstinenz wieder vereint, um persönliche Erfahrungswerte in aufrichtige, straighte Rapsongs zu verkehren. Denn zusammen waren sie schon immer schlagkräftiger – was diverse Einzeltouren der Vergangenheit manifestieren. Dabei stehen ihre Tracks nicht unter der Herrschaft von Virtuosen-Bedürfnis und tumbem Revoltismus – und gerade dies macht auch ihr neues Werk so hörenswert. Hier wird keineswegs HipHop-Geschichte geschrieben, vielmehr schreiben Geschichten HipHop: Die Messerstecherei auf dem Juicy Beats-Festival im letzten Jahr erschütterte die Grundwerte der HipHop-Gemeinde und wird auf „Schmerzen“ zum Thema. Alltagsbeobachtungen aus der Szene, die selbstreferenzielle Beschäftigung mit Raps und politische Dimensionen („Bushfeuer“) geben Einblick in die Wortkunst und thematische Breite der Too Strong-Mitglieder. Und obwohl Battle-Reime nicht unbedingt zum Besten aus dem Standartrepertoire gehören, sind die Notizen über das Berliner „Masken-Prinzesschen“, seinen schlechten Style, das Kalkül und seinen unbändigen Feature-Wahn auf „Insekten“ amüsant wie böswillig-gekonnt. Ansonsten kommt die Crew ohne Vordergründigkeiten aus und formuliert souverän wie reflexiv. Wortspiele mit Fluss, aber ohne gewolltes Amüsement und platte Dialoge – gerne aber mit Verweisen auf Bandgeschichte ("Zeitreise") und vorangegangene Tracks. Eben weiterhin Beats und Sounds aus dem "Geräteraum Dortmund Nord, immer noch analog, ohne digitalen Komfort".

Beattechnisch agieren Too Strong dabei eher unauffällig, recht spartanisch, leider aber auch teilweise unnötig angestrengt. Eine abgeklärte Abgehangenheit macht sich breit im ziselierten Fundament, welches die Nähe zu Vorangegangenem nicht leugnet. Entsprechend zu den eher archaisch strukturierten Raps, sind die Bässe grobkörnig, düster dunkel und klaustrophobisch. Alles scheint ein wenig Staub angesetzt zu haben bei dieser abstrakten Beatwissenschaft von Funky Chris, der auf skelettierte Beats setzt, diese gerne mit Hi-Hats, Glockenspielen und Scratches illustriert aber ohne pompösen Schnickschnack auskommt. Auffällig tief dröhnen stumpfe Subbasslinien und bieten Oldschool-Referenzen Platz. Auch aufgrund nur sparsam eingesetzter Retro-Samples, gewinnt „Dreamachine“ den Charakter des Klassischen, der sich den gegenwärtigen internationalen Standards wie massiven Breaks, exzessivem Handclap-Einschlag und folkloristischen Soundparts widersetzt und somit wohldosiert, jedoch auch spartanisch und karg in Erinnerung bleibt. Überraschung und Innovation bleiben auch auf dieser Ebene aus.

Kontinuität bedeutet im Umkehrschluss dennoch nicht Stillstand. So ist „Dreamachine“ ein Comeback-Album geworden, welches bewusst auf ungefilterte Beats und schneidende Texte setzt, dabei aber immer nahbar und ehrlich bleibt. Mit der fünfzehnjährigen Erfahrung platzieren Too Strong routiniert Beats und Reime direkt in der Szene, aus der sie entstammen. Keine namhaften Features, keine anbiedernd-mitreißenden Melodien und dynamischen Hooklines. Erst recht kein Schielen Richtung Mainstream und Kommerz. Guter Flow und die puristischen HipHop-Ingredienzien bilden Basis und Gewissen. Keine Elite, einfach purer Rap. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: www.toostrong.de

Anspieltipps

  • Purer Rap, #2
  • Insekten, #14
  • Präzise Perfektion, #11
  • Back And Four, #4
  • Liebe meines Lebens, #19

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