Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 05/2013

Albumcover

Tocotronic
Wie wir leben wollen

Auch nach der Berlin-Trilogie ging es für Tocotronic erneut mit Produzent Moses Schneider nochmal in die Hauptstadt. Um exakt zu sein: In das „Candy Bomber Studio“, das sich im ehemaligen Flughafen Tempelhof befindet und unter anderem über Raritäten wie eine Telefunken-T9-Vier-Spur-Tonbandmaschine verfügt. Was das nun konkret mit dem bereits zehnten Studioalbum der Band zu tun hat?

Digital muss eben nicht immer besser sein: Die 17 Songs von „Wie wir leben wollen“ klingen oftmals sehr warm, melodisch zugänglich und sind gleichzeitig doch von einer gewissen Distanz durchdrungen, die vor allem durch viel Hall und echohafte Sequenzen erzeugt wird. Hinzu kommt, dass das Klangspektrum der Band deutlich breiter geworden ist: Neben vereinzelt wahrnehmbaren Bläsern, äußert sich die neue Experimentierfreudigkeit auch in Verwendung eines Theremins  und eines Chorduns – Instrumente, die eine nebulöse Klangästhetik zementieren. Die erste Single „Auf dem Pfad der Dämmerung“ präsentiert sich in Shoegaze-Sound, „Warm und grau“ transformiert sich hingegen nach sphärisch und bedrohlich wirkendem Intro in brachialen Gitarrensound, die Midtemponummer „Chloroform“ gibt sich mit Percussion eher dezent minimalistisch, während die punkig rasante „Höllenfahrt am Nachmittag“ wiederum an die Manier der frühen und rauesten Bandphase erinnert. 

Auch inhaltlich befindet sich „Wie wir leben wollen“ in der für die Band so charakteristischen Schwelle inmitten von Widersprüchen. Dirk von Lowtzow – der am Operetten-Gesangstil nach dem letzten Phantom-Ghost-Album „Pardon my english“ hörbar Gefallen gefunden zu haben scheint – sehnt sich gleichzeitig nach Freiheit und Ergebung, will „high sein und doch auf dem Boden kleben“ (aus „Ich will für dich nüchtern bleiben“). Was für das Musikalische gilt, gilt ebenso für die Texte. Die Lyrics pendeln zwischen Nähe und Distanz, stiften genüsslich Verwirrungen, sind gewohnt abstrakt und dabei doch bildreich geraten. Trivialität ist für das Quartett weiterhin ein Fremdwort. War 2007 auf „Kapitulation“ und vereinzelt auch auf „Schall und Wahn“ aus 2010 noch eine aufbegehrende Attitüde spürbar, steht in den neuen Songs vor allem der Körper und mit ihm das Unbekannte und Begrenzende des Menschen im Mittelpunkt. „In meinem Körper nisten die Viren“ haucht von Lowtzow in „Die Revolte ist in mir“; suggeriert Ohnmacht und Schwäche: „Ich bin kein Mensch in der Revolte, die Revolte ist in mir“ („Der Mensch in der Revolte“ ist übrigens der Titel einer Sammlung politischer Essays des französischen Philosophen Albert Camus – das sei angemerkt: nicht umsonst wird die Band als „Diskursrock“ bezeichnet).

Doch sogar das Älterwerden führt bei Tocotronic nicht zu einem Prinzipienwechsel: Auch „Wie wir leben wollen“ ist eine Scheibe, die mehr Fragen aufwirft als Antworten zu geben bereit ist, sich dabei jedoch nicht in plumper Befindlichkeit erschöpft und in ihrer nur scheinbaren Bedeutungslosigkeit etwas ganz Bedeutendes vollbringt, was man bei Pop leider all zu oft vermisst: Geheimnisvoll und berührend zu gleich zu sein. (Philipp Kressmann, CT das radio)

Anspieltipps

Warm und grau, #12
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Wie wir leben wollen, #16
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Die Revolte ist in mir, #11
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Neutrum, #6
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Abschaffen, #3
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