Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 24/2002

Albumcover

Tocotronic
Tocotronic

Es riecht geradezu nach Neuanfang, wenn eine Band ihr sechstes Album nach eineinhalb Jahren Produktionszeit im Studio schlicht und ergreifend nach sich selbst benennt. Und so ist es auch. Arne, Dirk und Jan sind inzwischen knapp über 30 und haben mit ihrem Produzenten Tobias Levin eine für Tocotronic bis dato völlig neue Produktionsweise ausprobiert: Ohne fertiges Konzept ins Studio gehen, die Songs mit Muße wachsen lassen, tüfteln und perfektionieren bis die Songs fertig sind. Eigentlich der reinste Luxus. Aber das hat sich gelohnt. Denn herausgekommen sind wunderschöne Melodien, abwechslungsreich arrangiert und stark ohrwurmtauglich.

Tocotronic sind im Ganzen ruhiger und elektronischer geworden. Kräftige Rocksongs mit schlichter aber treibender Struktur nach vorn von A nach B finden sich auf „Tocotronic“ überhaupt nicht mehr. Tracks mit Längen um die 7 Minuten entfalten sich wie Minidramen mit plötzlichen Wendungen.

Noch stärker als bislang setzt Dirk von Lutzow in seinen Texten auf die Wirkung von Chiffren und Metaphern und bewegt sich damit noch mehr als früher an der Grenze des Verstehens. Es ist erstaunlich, dass seine Zeilen sowohl verschleiernd als auch aufkläririsch wirken. Aber genau dass ist Konzept. Die Worte sind Angebote. Der Zuhörer soll die „Hülsen“ mit eigenen Bedeutungsinhalten für sich selbst füllen. Es ist so wie beim Gang durch eine Kunstausstellung mit schönen, aber eben interpretationsbedürftigen Bildern. Und gerade dadurch geht einem die Musik so nah.

Die ganze Platte ist voll von musikalischen Bezügen: „Roxy-Music-Glam, Prefab-Sprout-Melancholie, Undertones-Zackigkeit, Jam-Modismus, Morrissey-Entrückungen,.... – die Auflistung im Info der Plattenfirma scheint kein Ende zu nehmen. Tocotronic kombinieren die vielen Elemente aber geschickt neu und einfallsreich und in vielerlei Hinsicht: This Boy Is Tocotronic – der Titel des Openers erinnert an „This Beat Is Technotronic“, den Track, mit dem Technotronic den Beginn der Acid House markierten. In diesem Falle zum Glück die einzige Gemeinsamkeit.

„Tocotronic“ ist ein Album, dass man unbedingt haben sollte. Ich kann nicht mehr zählen wie oft ich es inzwischen gehört habe. Jedesmal ertappe ich mich anschließend beim Grübeln. Aber vielleicht ergründe ich doch noch irgendwann, warum mir der Text von „Hi Freaks“ so gut gefällt - speziell die Zeile: „Dein Gesicht ist eine Welt, deren Umriss mir gefällt“.

(Text: Christian Schön, elDOradio 93.0, Dortmund)

HOMEPAGE: www.tocotronic.de / LABEL: www.lado.de

Anspieltipps

  • MO: This Boy Is Tocotronic (Track 1)
  • DI: Hier Ist Der Beweis (Track 3)
  • MI: Hi Freaks (Track 4)
  • DO: Dringlichkeit besteht immer (Track 10)
  • FR: Neues vom Trickser (Track 13)

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