Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 29/2006

Albumcover

Thom Yorke
The Eraser

"Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss Sie das fragen: Sind sie nur so nett, weil Sie etwas wollen?" Die Eingangsfrage trifft. Denn ja, wir wollen: Neues von Radiohead vor allem. Dazwischen Thom Yorkes Solodebut kurz den Kopf tätscheln - fällt nicht allzu schwer, klingt ja dem gesamtbesetzten Meisterwerk "Kid A" gar nicht so unähnlich - und dann weiter aufs nächste Bandalbum warten, ohne den Kopf verstimmt zu haben. Und gleichzeitig zielt die Frage so gekonnt daneben, wie es nur sicher Berechnetes kann. Denn wären wir so nett, wenn das Eigenwerk des von uns so himmelhoch geschätzten Tiefstaplers nicht genau träfe, was wir wollen? Niemals. Bleibt nur die Frage: Was will Yorke selbst?

Auslöschen sicher nicht, soviel zur Kategorie "Albumtitel, die schon alles sagen", damit kommen wir hier nicht weiter. Denn "The Eraser" ist ausdrücklich ein Lückenfüller für die Zeit bis zum nächsten Hauptbandwerk, keine Abkehr vom bisherigen Schaffen - wie sich auch abkehren von etwas, das nie nur einer Richtung folgte, sondern immer mindestens auch der genau entgegengesetzten und meistens unterwegs noch fünfmal abbog? Da kann der Solopfad nur innerhalb des allgegenwärtigen Streckennetzes verlaufen und genau das tut er auch. So irreführend der Name des Kindes, so offensichtlich die Familienähnlichkeit. Aber: das hier ist weder Zwilling noch Klon von "Kid A", sondern vielmehr kleiner Bruder, große Schwester, schrulliger Onkel, weitgereiste Tante, geliebtes Stiefkind des weisen Wegbereiters. Thom Yorke ist nicht ausgezogen aus dem Elternhaus Radiohead, er hat sich lediglich zwischen Mittag- und Abendessen in den Hobbyraum verzogen, um die dort herumliegenden Schnipsel und Ideen mit neuen zusammenzubauen und so nur ja keine Sekunde ungenutzt zu lassen.

Dass auf der Werkbank dabei keine Band, sondern ein Computer steht, ist - Verzeihung - mehr als OK. Denn gerade das minimalistische Geplucker, die reduzierten Beats und die klickernden Melodien der neun Songs schaffen Raum für Yorkes teils ungewohnt warme Stimme, die gewohnt verquere Texte auch mal in den Vordergrund stellt. Verstehen muss man die nicht, faszinierend schön sind sie allemal. So wie das Artwork des Auffaltalbums, dessen Linolschnitttechnik alles und nichts sagt. Schwarz-weiße Kühle trifft auf stürmische Wellen verschlingen die Gebäude dieser Welt klammern sich aneinander im letzten Tageslicht unter den dunklen Wolken. Das alles dirigiert von einem kleinen Mann in schwarzem Hut und Mantel, der stoisch mit der einen Hand in der Tasche die andere gebieterisch ausstreckt. Ist das Yorke? Oder Ironie? Oder gar beides?

Was Thom Yorke mit seinem ersten Soloalbum will, bleibt ungreifbar, aber nicht unbegreiflich. Denn zwischen Radiohead und Radiohead steht nichts, das gefehlt hätte, aber etwas, das wir nicht mehr missen möchten. Warum Thom Yorke "The Eraser" gemacht hat? Ganz einfach: Weil er konnte. (Britta Helm, Radio Q)

Künstler: http://www.theeraser.com | Label: http://www.xlrecordings.com

Anspieltipps

  • Harrowdown Hill, #8
  • Analyse, #2
  • Black Swan, #4
  • And It Rained All Night, #7
  • The Eraser, #1

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