Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 38/2012

Albumcover

The XX
Coexist

Herzzerreißen kann so schön sein. Drei Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debüt liefern die Londoner von The XX wieder einmal Musik für desillusionierte Großstadtkinder und melancholische Träumer gleichermaßen. Auf dem neuen Werk “Coexist“ beschäftigen sie sich gewohntermaßen ausschließlich mit dem großen Thema der meist unglücklichen Liebe.

Bereits das Debüt “XX“ (2009) führte zu ausgelassenem Fahnenschwenken auf Seiten der Kritiker und machte die damals noch vier Bandmitglieder zu einem Aushängeschild für minimalistischen Indie-Elektronik-Sound mit einer ganz eigenen kühlen Ästhetik. Vor allem aber sind Romy Madley Croft (Gesang; Gitarre), Oliver Sim (Gesang; Bass) und Jamie Smith (Samples) eines: eine allein auf der akustischen Ebene bestehende Traumkomposition. Frau Croft duettiert derart herzzerreißend mit Oliver Sim, dass ein konträr zur Rationalität stehendes Paralleluniversum entsteht, wo die beiden nicht weniger sind als ein tragisches Liebespaar. Das funktioniert so herrlich, dass es quasi Realität wird. Da ist es ganz egal, dass die Partnerzielgruppe beider in Wirklichkeit das eigene Geschlecht ist oder die Frontfrau auf Promofotos eine deutliche Distanz zum Frontmann hält, indem sie nicht ihm, sondern dem Kollegen Jamie den Kopf auf die Schulter legt. Dass die drei sich aus einer glitzernden Selbstexposition via sozialer Medien etc. heraushalten und ob ihrer Schüchternheit eher auf die Seite der Shoegazer-Fraktion huschen, wird da zum Kalkül. Schließlich funktioniert eine undurchsichtig-fiktionale Welt immer noch am Besten, wenn dem Rezipienten eben nicht alles bekannt ist.

“Coexist“ nun treibt den hochgelobten Minimalismus von “XX“ noch weiter auf die Spitze. Gab es im ersten Werk noch viele Tracks, die Ohrwurmcharakter aufwiesen (wie etwa “Cystalised“ oder “Basic Space“), gleicht das neue Album ineinander übergreifenden Nebelschichten. Ohne Probleme lässt sich das Ding von vorne bis hinten als einziger großer Track durchhören. Dabei ist der reduzierte Sound von Album Nummer zwei wohl mehr Resultat veränderter Rahmenbedingungen als das eines künstlerischen Konzepts: Nach dem Ausscheiden von Keyboarderin und Gitarristin Baria Qureshi dürfte es einfach schwierig gewesen sein, die Sounddichte aufrecht zu erhalten, wenn man gleichzeitig autonom bleiben und nicht gerade einen lästigen und wenig authentischen Sample-Aufwand betreiben wollte. Denn obgleich der Sound des Quartetts sehr elektronisch ist und Jamie etwa nur mit Drum Machine arbeitet, werden bei Gigs keine wichtigen aufgenommenen Tonspuren abgefeuert, sondern beinahe jeder Ton vor Ort gespielt. Klinisch, ja. Echt aber auch. Bei einem solchen Ansatz ist es einfach müheloser und konsequenter, noch ein bisschen mehr Minimalismus zum Soundgefüge zu addieren und ganz nebenbei ein viel interessanteres Klangbild zu schaffen.

Neben allem Purismus klingt “Coexist“ vor allem erwachsener und fokussierter, nachdem ein wenig Pop und die sporadisch vorhandenen rhythmischen Schnörkel vom Soundbild subtrahiert wurden. Ein Paradebeispiel liefert hier der weise gewählte Opener “Angels“, der den Hörer schüchtern bei der Hand nimmt und in das Album hineinzieht. Dabei fügt sich er sich soundtechnisch wunderbar in die Assoziationen, die sein Name hervorruft – alles klingt übernatürlich schwerelos, wenn geseufzte Vocals mit einem spärlichen Gitarrenlauf vor einem zaghaften Vorhang aus Percussion-Samples tanzen und Croft von einer noch ganz frischen Liebe erzählt. Damit wäre es dann aber auch schon vorbei mit positiven Liebeserfahrungen und The XX widmen sich wieder ihrem kategorischen Thema des Schmerzes. Der kann mal so offensichtlich sein wie in dem Sisters-Of-Mercy-haften “Missing“, aber auch schleichend-hinterhältig. “Fiction“ etwa kehrt zum desillusorischen Kosmos zurück, ist ein Snapshot des Moments, in dem zwischen namensgebender 'Fiktion' und grausamer Realität gewechselt wird. Dem Moment der Erkenntnis, dass die Liebe zu einer bestimmten Person nicht erwidert wird, sondern einzig das eigene Gedankenkonstrukt war. Dabei wird dieser unschöne und rastlos machende Gedanke in Form treibender Drum-Sample plus obligatorischer Saiteninstrumenten-Lines beinahe physisch: schleicht sich richtig fies von hinten an, bis sich langsam, aber sicher eine gehetzte Atmosphäre aufgebaut hat. Da sage noch einmal jemand, dass es nicht möglich sei, Hektik durch „ruhige“ Musik zu erzeugen.

Letztlich ist “Coexist“ ein herrlich düsteres Stück “Goth-Soul“ (diesen schicken Neologismus dachte sich die britische Musikpresse 2009 für The XX aus) geworden, welches das derzeitige Motiv einer Symbiose zwischen Indie und Elektro innerhalb der populären Musik fortführt. Ein Superlativ an schmerzlicher Abgeklärtheit. (Hannah Seichter, CampusFM)

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Anspieltipps

Angels, #1
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Fiction, #3
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Sunset, #6
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Missing, #7
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Swept Away, #10
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