Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 01/2012

Albumcover

The Weeknd
Echoes Of Silence

Als Radiohead 2007 für „In Rainbows“ nur so viel Geld verlangten, wie ihre Hörer zahlen wollten, warf das ein entlarvendes Licht auf die Verwertungsstrategien der Musikindustrie. Allein 1,2 Millionen Downloads am ersten Tag garantierten größte Aufmerksamkeit auch außerhalb der Medien. Während die gut 65% gar nichts bezahlten, war den anderen das Album zumindest durchschnittlich zwischen fünf bis sechs Euro wert.

The Weeknd, bürgerlich Abel Tesfaye, geht noch einen Schritt weiter. Seine zwei Gratisalben katapultierten ihn 2011 aus der gänzlichen Unbekanntheit ins Gedächtnis wichtiger Künstler und die Top-Ten-Listen von großen Publikationen wie Billboard oder der New York Times. Jetzt kapitulierten die Server wegen Überlastung, als das kanadische R’n’B-Talent am 21. Dezember den letzten Teil seiner Triologie veröffentlichte. Wieder steht sein geistiges Eigentum im Internet zum kostenlosen Download bereit. Die 25.000 Pfund, die Abel Tesfaye angeblich schon als Gage für einen Gig angeboten wurden, könnten wohl einige Produktionskosten ausgleichen. Pay-what-you-like- und Gratis-Alben sind inzwischen etablierte Kickstarter für Karrieren.

„Echoes of Silence“ räumt den letzten Zweifel aus, dass es sich bei The Weeknd um einen überschätzten Kurzzeitkünstler handelt. Die neun Titel würden aus jeder Shuffle-Liste zeitgenössischer Popmusik herausstechen. Charmante Larmoyanz hält das Album in seiner Eigenart fest. Als R’n’B-Künstler besitzt er in der Independent-Musikszene ein Alleinstellungsmerkmal. Dabei wirkt er so unprätentiös, dass niemand vermuten würde, dass schon Lady Gaga mit einem Remix-Auftrag an seine Tür geklopft hat.

Letztlich geht es bei The Weeknd immer um „(uuhu wouoo) Girls“. Auf den ersten Blick verhält sich Abel Tesfaye nach allen Regeln der Contemporary-R’n’B-Kunst. Sein wichtigstes Instrument ist die Stimme, deren Tonvielfalt am Ende jeder gesungenen Zeile in unerwartbaren melismatischen Schleifen davonfliegt. Wie die viel zu unberechenbaren „(uuhu wouoo) girls“ eben, die nicht da sind, wenn er sie braucht („Where were you when I needed you?“ – „Same Old Song“), die er zum Bleiben überreden muss („Baby please would you end your night with me? Don't you leave me all behind – Echoes of Silence) und die nicht checken, dass er auf sie steht (“I guess you had no idea that you could have persuaded me. Girl, you could have had me doing anything you pleased – “Montreal”). So kitschig und flach sich die geschriebenen Worte lesen, so ehrlich und echt klingen sie, wenn Abel Tesfaye sie singt. 

Wenn die Musik auch ohne seine charakteristische Sopran-Stimme unvorstellbar wäre, so ist es doch der Kontext, der ihre Bedeutung erst erschafft. Basslastige Elektro- und Dubstep-Betten, übernächtigte Samples und melodische Klavierfragmente bilden das notwendige Gegengewicht zum souligen Gesang. Das Schillernde wird permanent gebrochen, bei aller polierten Eleganz sind die Songs durchnässt von Abgründen. Dumpfer Hall durchzieht die Autotune-Gesänge, anderes ist gefällig wie die Produktionen der ganz Großen. Frei nach dem Motto: Mit Underground-Elementen den Mainstream-R’n’B entschärfen, mit dem sich Michael Jackson einst den Titel als King of Pop verdiente und der gleich im Opener „D.D.“ seine Huldigung erfährt.

Auch wenn „Echoes of Silence“ das Debüt „House of Balloons“ nicht zu toppen vermag, fügt es sich doch als vielleicht sentimentalstes und kohärentestes Album in eine Reihe überraschend spannender Veröffentlichungen ein. Tesfaye stürzt nicht nur das klischeebehaftete R’n’B-Genre auf progressivste Art und Weise um. Mit der Strategie, seine Kunst frei zugänglich zu machen, zeigt er denkbare Formen für die Zukunft des Musikmarktes auf. Alles gewonnen. (Natalie Klinger, eldoradio*)

Link: Albumdownload | Homepage (inklusive Links zu den vorangegangenen Alben)

Anspieltipps

The Fall, #7
Link:

Next, #8
Link:

Same Old Song, #6
Link:

D.D., #1
Link:

Montreal, #2
Link:

Archiv aller Silberlinge

radiobar