Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 08/2014

Cover: The Notwist - Close To The Glass

The Notwist
Close To The Glass

Es könnte ihr Best Of Both Worlds-Album werden. Auf "Close To The Glass" betreiben The Notwist wieder ihr Doppelgängertum. Einerseits harmonisch geschlossene Popsongs mit - fast - konventionell bodenständiger Struktur. Andererseits Songs, die sich nicht recht entscheiden wollen, Songs zu sein. Das sind diese Momente, in denen Markus Archer und Co. wieder Lust an der Dekonstruktion gefunden haben.

 
Es könnte kaum diametraler zugehen: auf den sperrigen Titeltrack mit seinen polyrhythmischen Küchentopf-Trommeln und elektronischen Verzerrungen, die auch vor den Vocals keinen Halt machen, folgt "Kong". Eine melodische und zackige Indiepopnummer, die man in dieser Form auf "The Devil, You + Me" ein wenig vermisst hat. Bei beiden Kompositionen jedoch auffällig: Markus Archer wagt sich stimmlich in höhere Bereiche, auch wenn er dabei kaum aufdringlich klingt. Das harmoniert praktischerweise auch mit der breiteren Instrumentierung, denn die Album-Version von "Kong" präsentiert sich sogar mit Streicher-Sequenz.
 
Die weben sich auch ganz unterschwellig in die überraschend minimale Akkustik-Nummer "Casino", die mit spärlicher Percussion (auch die ganz passend eben nicht im Takt!) und kurzem Klavierteil auskommt. Bei soviel Struktur ("Steppin´ In" ist da ganz ähnlich gestrickt) könnte man das Stück schon fast balladesk einstufen, wenn da nicht die trübe Grundthematik eines Ehepaars, das sein Leben im Glückspiel vergeudet, wäre. Treibender Shoegaze-Rock findet sich dann auf "7 hour drive" vertreten.
 
Doch die geschmeidigen Momente werden immer wieder konterkariert. Stücke wie "Into Another Tune" wirken de-zentralisiert, eben wie Jam-Sessions eines experimentierfreudigen Chaos Computer Clubs. Den diesbezüglichen Höhepunkt bildet sicherlich der instrumentale Neunminüter "Lineri", auf dem wahrscheinlich Console seiner elektronischen Spielfreude freien Lauf lassen durfte. Ein Epos an analogen Synthies.   
 
Ein wenig langatmig geraten sind dann aber doch das mäandernde "Run Run Run" und zu Beginn auch das Schlusslicht "They Follow Me". Dennoch: es ist und bleibt die Kunst dieser Gruppe, dass scheinbar jeder unbeirrt sein Instrument bedient, ohne dabei Gefahr zu laufen, den Draht zum Ganzen zu verlieren. Gesellschaftstheoretisch formuliert: wo ist das Steuerzentrum der abgekapselten Einzelsysteme? Auch nach Bandaussagen ist das Charakteristikum der Platte bildlich betrachtet ein Puzzle. Bekanntlich ist das nicht immer ein Gesellschaftsspiel und oftmals benötigt man dafür auch ein wenig Zeit. Doch wie dem auch sei, Spaß macht es trotzdem. (Philipp Kressmann, CT das radio)  
 
Künstler | Label | Facebook

   

 

Anspieltipps

Kong, #3
Link:

Casino, #5
Link:

Close To The Glass, #2
Link:

7 Hour Drive, #7
Link:

Run Run Run, #9
Link:

Hier könnt Ihr The Notwist: Close To The Glass - Silberling der Woche 08/2014 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar