Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 20/2010

Albumcover

The National
High Violet

 

Die Farbe Violett steht nicht nur für das Mystische, Außergewöhnliche und Kreative, sondern symbolisiert auch Einsamkeit, Unsicherheit und Melancholie. Mit „High Violet“ hätte das US-Quintett The National wohl kaum einen passenderen Titel für ihr fünftes Album wählen könne n.Denn wenn Matt Berninger über die gemächlich wummernden E-Gitarren im Opener wehmütig „it’s a terrible love that I’m walking with spiders“ ins Mikro singt, wird sofort klar in was für seelische Zustände „High Violet“ den Hörer entführen soll. Dabei fällt es schwer die Rolle des distanzierten, passiven Hörers Stand zu halten.  Schnell macht das kunstvolle Arrangement aus bestimmt klimpernden Klavier, untermalenden Streichern und einem aufwühlenden Schlagzeug die schwermütige Unruhe, die den Zeilen „and I can’t fall asleep without a little help/ it takes awhile to settle down/ my ship of hopes wait till the past lets by“ inne wohnt, sinnlich erfahrbar. Was bei „Terrible Love“ jedoch am meisten berührt, ist die fehlende entladende Ekstase am Ende des Stücks: der Tumult wird nicht ins Unermessliche gesteigert, bringt  keine Erlösung, sondern bleibt irgendwo stecken und hinterlässt das beklemmende Gefühl von Sehnsucht.
 
Ganze drei Jahre hat es gedauert bis die fünf Freunde wieder ein gemeinsames Album rausgebracht haben. Zum einen mag es an deren anderweitigen musikalischen Projekten gelegen haben. Zum anderen aber auch daran, dass The National sich nicht einfach für eine Woche im Studio einschließen um eine Platte hinzurotzen. Ihre Herangehensweise ist da eher bedacht und akribisch. Ständig werden die Songs überarbeitet, variiert und umstrukturiert. Jede Kleinigkeit wird überdacht und gemeinsam besprochen. Das Ergebnis dieses teilweise auch anstrengenden Schaffungsprozesses sind elf großartige Tracks, die eine beeindruckende Symbiose aus Form, Inhalt und Ausdruck eingehen.  So zum Beispiel in „Afraid Of Anyone“: der sich in den Hintergrundgesang aus fragil seufzenden „Oohhs“ einfügende expressive Gesang Berningers („with my kid on my shoulders I try not to hurt anybody I like/ But I don’t have the drugs to sort/ I don’t have the drugs to sort it out/ sort it out“) wird dicht gefolgt von einem verstört klingendem Gitarrenriff. Wobei der raumfüllende Klang eines  Harmoniums zu Anfang und Ende die harmonische Basis für das Stück bietet.
 
Alle Tracks zeichnen sich durch komplizierte Arrangements aus, die dadurch jedoch nicht an Zugänglichkeit einbüßen sowie zahlreichen übereinandergelegten Schichten, wodurch die Songs aber dennoch nicht überladen werden. Auch die üppige Instrumentierung wirkt nicht aufgedrängt, sondern genau richtig platziert und entfaltet so auf eine wunderbare subtile Art und Weise ihre Wirkung.Es scheint so als hätten The National herausgefunden, welchen Regler man drücken muss, um den gewünschten Effekt hervorzurufen. Ihnen deshalb eiskaltes Kalkül zu unterstellen wäre aber mehr als unfair. Dafür lässt „High Violet“ viel zu tief blicken und offenbart eine Verletzlichkeit, die entsteht, wenn man Sehnsüchte, Ängste oder Perversionen preisgibt.  So bringt Berninger in „Anyone‘s Ghost“ mit dem simplen Worten „but I don’t want anybody else/ I don’t want anybody else“ die schmerzende Erfahrung einer nicht erwiderten Liebe auf den Punkt. Es schafft  Vertrautheit, wenn Berningers einfühlsame Bariton-Stimme ein pervertiertes  Verhältnis zu „Sorrow“ gesteht. Es entsteht Intimität, wenn in „Lemoneworld“ die Drums zwischen „losin‘ my breath“ und „de, de, de, de, de, de, de, de“ nur für wenige Millisekunden stoppen und man das zaghafte und zugleich schwere Einatmen Berningers hören kann. Dabei verfällt „High Violet“ nie in einen dreckigen, schlotterigen Sound – der Klang bleibt stets prächtig, weiträumig und einfach schön. Überall lauern kleinen musikalische Raffinessen: Bryan Devendorfs fast schon melodiöses Bass-Drum Spiel in „Sorrow“ sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
 
Seinen Abschluss findet „High Violet“ in dem wohl opulentesten, weil gerade zu in Streichern getränkten, Stück der Platte „Vanderlyle Crybaby Geeks“. „Leave your home/ change your name/ live alone/ eat you cake.“ Das hört sich nach Neuanfang, beinahe schon Zuversicht an („Man, it’s all been forgiven“). Und auch wenn Staccato-Geigen immer wieder gegen die Zeilen „All very best of us string ourselves up for love“ ankämpfen, erklingt der mehrstimmig gesungene Refrain weiterhin. Wie ein auf Selbstprophezeiung hoffendes Mantra wird die Zeile unbeirrt wiederholt. Es ist doch noch nicht alles verloren. Verlangen, Wille und Kraft sind noch da. (Irina Raskin, hochschulradio düsseldorf)

 

VÖ: 07. Mai

Links: Band / Label
 

Anspieltipps

  • Bloodbuzz Ohio
  • Conversation 16
  • Sorrow
  • Afraid of Anyone
  • Terrible Love

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