Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 33/2009

Albumcover

The Temper Trap
Conditions

Ja, ich stehe dazu: Manchmal sehne auch ich mich nach den alten Zeiten. Nicht nur nach denen, als man sich noch offen zum Independent bekennen konnte. Auch nach denen, als man sich noch nach den alten Zeiten sehnen durfte, ohne gleich als hoffnungsloser Nostalgiker abgeheftet zu werden. Dabei sind die Dinge doch augenscheinlich komplizierter geworden. Das Vertrauen in eine Sache jedenfalls, die bis heute nicht etwa nur einzelne Genres, sondern gleich eine ganze Szene abzugrenzen versucht, ist in bestimmten Situationen nachgerade gefährlich geworden. Independent als Schimpfwort, das gab’s doch früher nicht.

Bei den Campusradios ist das natürlich was anderes, hier trauert man wenn überhaupt im Kollektiv, jeder kann in der Menge untertauchen, wenn er sich darin nur von genug Leuten verstanden fühlt. Auch die Kollegen vom Privatradio sind da eher noch unkompliziert: Während einer Werkwoche mindestens drei Mal täglich die Killers, das schafft ein distanziertes Verhältnis zu Musik. Insofern kann es mir dort herzlich egal sein, wer die Playlist meines iPods zufällig zu Gesicht bekommt. Aber bei Ulli, dem Plattenhändler meines einstigen Vertrauens? Zwischen den Stehplätzen auf der Festivalwiese? Selbst bei meinem letzten Rendezvous hat sich die Preisfrage deutlich in Richtung kritischer Punkt verschoben. „Und, was hörst du so für Musik?“ – oh, oh, oh...

Mittwochmorgen, kurz nach zehn. Mein Mailprogramm spielt den Soundeffekt für neue Nachrichten und holt mich damit dankenswerterweise aus meinem Alptraum. Seit ich vergesse, den Computer über Nacht auszuschalten, weckt er mich regelmäßig, egal ob Alptraum oder nicht. Ich quäle mich aus dem Bett, eigentlich bin ich krankgeschrieben, und überfliege den Text. Aha, der Kollege Lammert-Siepmann. The Temper Trap, sehr solider Indie-Rock aus Australien, unbedingt anhören – so was in der Art steht da. Erst beim zweiten Durchlesen wird mir klar, dass es dabei um einen neuen Kandidaten für den Silberling der Woche geht. Warum nicht, denke ich, lasse nebenbei den Kaffee durchlaufen und lade mir die Promo von unserem Redaktionsrechner, der hippe Musikjournalist von Welt macht das heutzutage so.

Zwei Filmtabletten Breitband-Antibiotikum und zwei Minuten The Temper Trap später wünsche ich mir, nicht mein nerviges Mailprogramm, sondern dieses Album hätte mich vorhin aus dem Schlaf geholt. Und ich wünsche mir, ich könnte diese Musik jetzt ohne die höllischen Kopfschmerzen und das ganze Medikamenten-Zeug im Blut genießen. Das, was The Temper Trap hier abgeliefert haben, ist so verdammt makelloser Independent, dass ich nicht damit gerechnet hatte, jemand würde sich heutzutage noch trauen, so was zu veröffentlichen. Für einen Augenblick erinnere ich mich, dass der Kollege Lammert-Siepmann mich schon mal mit einer Band aufgezogen hatte, von der sich am Ende herausstellte, dass es sie gar nicht gibt.

The Temper Trap sind echt, so viel steht fest. Deswegen lasse ich Zweifel an dieser Stelle nicht gelten. Nach dem Höhenflug der ersten paar Minuten und reihenweise Flashbacks zu den Indie-Discos dieser Jugend („Aus dem Merz in Braunschweig haben sie eine Konsens-Kneipe gemacht!“) würde ohnehin keiner der Songs im Tagesprogramm zwischen Mando Diao und den Killers großartig auffallen. Und genau das ist vielleicht das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Album: Offenbar erzeugt Post-Punk-Revival nicht erst seit gestern eine gewisse systemübergreifende Kompatibilität. The Temper Trap ignorieren das geflissentlich, vielleicht hat es sich in Australien noch nicht so rumgesprochen, und manövrieren damit den Independent ein winziges Stück aus der hausgemachten Identitätskrise.

Zugegeben: Seit Musik im Großen und Ganzen dazu verdammt ist, nebenbei konsumiert zu werden, hab ich so meine Schwierigkeiten, bei Alben wie „Conditions“, die dem ersten Eindruck nach so angepasst sein mögen, die feinen klanglichen Ideen herauszuhören. Da muss man sich dann eben mal zusammenreißen, zumal The Temper Trap ohnehin keine Band ist, die dekolletiert zur Suche nach Details einladen würde. Die internationale Beachtung ist ihr natürlich längst sicher. Davon abgesehen würde sie bei meinem nächsten Date als Referenz nahezu prächtig funktionieren.

Von einer Dreiviertelstunde Spielzeit bleiben eine leere Tasse Kaffee und graue Buttons am Bildschirm – wenn mein MP3-Player ein Vinylplattenspieler wäre, ich hätte wenigstens noch die Nadel aus der Rille nehmen können, man hat das ja manchmal, dass man alte Rituale so unmäßig zelebriert. Aber auf meinen Computer ist wie immer Verlass: Der Soundeffekt für neue Nachrichten bewahrt mich vor unvermittelter Nostalgie. Die Kollegen von Pias, was für ein Zufall, das Label, auf dem The Temper Trap veröffentlichen.

Doch davon steht in der Mail kein Wort, stattdessen: das dritte Editors-Album, viel mehr Elektro, Release irgendwann im Oktober. Und als obligatorische Fußnote: Wenn ich diesen Newsletter abbestellen will, soll ich hier klicken. Ach man, denke ich, und mein schuldiger Blick schweift vom Bildschirm über den iPod zum Telefon. „Ja, sag mal Ulli... kriegst du ‚Conditions’ vielleicht demnächst als Schallplatte rein?“ Auf die alten Zeiten! (Stephan Kleiber, eldoradio*)

VÖ 07.08.

Künstler: http://www.thetempertrap.net | Label: http://www.piasgermany.de

Anspieltipps

  • Love Lost, #01
  • Sweet Disposition, #03
  • Science Of Fear, #09
  • Fader, #06
  • Soldier On, #05

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