Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 40/2008

Albumcover

The Streets
Everything Is Borrowed

Das Tonband leiert. Das Tempo zieht an. Ein Orgelakkord schlingert noch ein wenig, bis er die richtige Tonhöhe erreicht hat. Der Beat setzt ein und kurz darauf die Stimme von Mike Skinner, samt dem Sprechrhythmus und dem Akzent, die ihn berühmt und unverkennbar gemacht haben. So beginnt das mittlerweile vierte The Streets-Album „Everything Is Borrowed“. Natürlich weiß man bei einer Streets-Platte schon bevor man sie überhaupt ausgepackt hat: Hier wird Sprechgesangsmusik geboten, die mit Chart-Hip-Hop anno 2008 absolut nichts gemein hat.

Musikalisch bewegt sich Mike Skinner weiter auf den Pop zu und nimmt Abstand von den Sample-Orgien der frühen Streets-Tage. Klavierharmonien gesellen sich zu Gospelchören inklusive Handclaps. An manchen Ecken funken Bass und Gitarre cool durch die Songs („The Sherry End“), und in „I Love You More“ bieten jazzige Patterns samt E-Piano-Solo die Basis für den Text. Skinner schafft es trotz der von ihm geliebten Streicher aus der Konserve fast immer innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks zu bleiben.

Lediglich zwei Tracks strapazieren die Street-sche Erfolgsformel aus Wortwitz und glaubhafter Betroffenheit über: zum einen der vorletzte Song des Albums „The Strongest Person“, in dem der Engländer seine Stimmbänder zwingt, eine schöne Gesangsmelodie zu halten, dabei aber buchstäblich scheitert und in fiesen Pathos abrutscht; zum anderen das musikalisch durchaus partytaugliche „The Way Of The Dodo”, das allerdings mit einem Chorus daherkommt, den sich auch Greenpeace auf die Fahnen schreiben könnte: „It´s not earth that´s in trouble. It´s the people that live on it, no no. Earth´ll be here long after we´ve all gone the way of the dodo.”

A propos sterben: Am anderen Ende der Geschmacksskala liegen gehaltvolle Zeilen wie “I came to this world with nothing and I leave with nothing but love; everything else is just borrowed” aus dem Titeltrack des Albums. Ist Mike Skinner etwa zum Christentum konvertiert, wo er doch auf dem letzten Album noch verkündete, nie in die Kirche gegangen zu sein? Oder ist er einfach nur älter und weiser geworden? Zu letzterer Vermutung passt auf jeden Fall der Videoclip zu diesem Song. Skinner gibt sich darin als Familienvater, der seinen Liebsten morgens ein Frühstück zubereitet, bis der Gerichtsvollzieher mit seinen Räumungsgorillas anrückt und die bürgerliche Familie von ihrem Hab und Gut trennt. Die Grundstimmung des Albums ist aber trotzdem positiv und findet ihren Höhepunkt in „On The Edge Of A Cliff“. Mitten in einem Selbstmordszenario kommt darin ein unbeteiligter Passant vorbei und stellt fest: „For billions of years since the outset of time every single one of your ancestors survived. Every single person on your mum and dad’s sides successfully looked after and passed onto you life.” Da scheint jemand eine Art Weltformel gefunden zu haben, mit der man glücklich und behütet durchs Leben geht. Und dieses wird sogar noch glaubhaft vermittelt, ohne dass sich der Hörer peinlich berührt fühlt und die Platte als Hippie-Scheiß abstempelt.

Alles in allem ist „Everything Is Borrowed“ in der Streets-Diskografie das textlich wahrscheinlich stärkste Album. Alle hip-hop-typischen Klischees werden umschifft, und musikalisch gibt es hohen Standard, wenn auch keinen absoluten Knaller wie etwa in den vergangen Jahren „Let’s Push Things Forward“ oder „Fit But You Know it“. Jedenfalls: Die Platte endet versöhnlich - und das Tonband leiert wieder... (Sebastian Witte, Radio Q)

Anspieltipps

  • Everything Is Borrowed, 01
  • I Love You More, 03
  • On The Edge Of A Cliff, 06
  • The Sherry End, 08
  • The Escapist I Know, 11

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