Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 33/2005

Albumcover

Stars
Set Yourself On Fire

Es ist das Feuer, das sich in Windeseile verbreitet und diese Stadt am Sankt-Lorenz-Strom ergreift. Es sind keine verzehrenden, keine todbringenden Brände, vielmehr die vereinte Wärme der Euphorie, die Aufbruchsstimmung, die alle entflammt. Und die gierige Begeisterung, dessen habhaft zu werden, was sich gerade in Montréal ereignet.

Im Künstlerviertel Plateau Mont-Royal brodelt es. Jeder will Teil der Bewegung sein, ein kleines Rädchen am Aufschwung einer kleinen musikalischen Initiative, die immer größer geworden ist. Eine Epidemie wie ein Lauffeuer, das hier und da neue Brände entfacht, den Boden durchsetzt und immer wieder neu ausbricht. Straßencafees stellen Tische und Stühle in die Sonne, lebendig wuseln Urlauber und Einheimische vorbei. Bars eröffnen neu. Das viktorianische, leicht heruntergekommene Viertel ist der Mittelpunkt der Szene. Hier haben Arcade Fire ihr Studio, proben The Dears neben den extrovertierten Elektronikern von Les Georges Leningrad, haben Melissa Auf der Maru und Rufus Wainwright ihre Heimstätten. Isaak Brook von Modest Mouse ist am späten Nachmittag eingeflogen und trinkt nun ein dunkles Bier in einem verschlagenen Hinterhof mit seinen Freunden von Wolf Parade, von denen genauso im Laufe des Jahres die Rede sein wird, wie von Bell Orchestre. Später in der Nacht geht es noch ins Casa Del Popolo, El Salon oder Sala Rossa, den angesagtesten Clubs der Stadt, die keinem geringeren als dem Godspeed You! Black Emperor-Bassisten gehören. Man kennt sich in Montreal.

Und das kleine Musikwundermärchen nimmt kein Ende. Die gegenseitige Unterstützung schafft Synergie-Effekte, befruchtet und bringt immer neue Bands aus den Kellern der Stadt hervor, die von den Entwicklungen nutznießen.
Die Stars hingegen sind schon lange da, ein wenig abseits der großen Öffentlichkeit gediehen, und gießen mit "Set Yourself On Fire" neues Öl ins Feuer. Zwei Alben haben sie schon veröffentlicht und betörende Touren mit der Broken Social Scene, deren Band- und Projektüberschneidungen ja inzwischen legendär sind, gefeiert. Ihr Ansatz ist dennoch ein anderer, raumgreifender Indiepop-Entwurf. Ein majestätisches Abbild des französischen Bon Vivants, des Flairs der Leichtigkeit, der durch Montréal zu wehen scheint. Es ist immer Frühling im Kosmos der Stars.

Ihre Musik ist eine von diesen überstrapazierten Metaphern vom schlüpfenden Schmetterling oder der aufgehenden Blüte. Alles ist hier behutsam umgesetzt, leicht und eingängig. Purer Pop und doch von einer gesteigerten Liebenswürdigkeit. Eingerichtet hat sich das Quartett rund um die beiden Songwriter Amy Millan und Torquil Campbell in lebensfrohen Gefühlscodes, die nie resigniert den Kopf hängen lassen. Vergangenheitsbewältigung wird wie in „Your Ex-Lovers Dead“ dann schon auch mal süffisant-herablassend betrieben.

Dennoch mischt die Harmonie an vorderster Front mit. Nicht unbedingt auf poetischer Ebene, aber auf instrumentaler. Alternierend im weiblich/männlichen Wechsel oder im luftigen, glockig-offenen Zwiegesang werden Gesangs-Positionen vertauscht, legen die Stimmen ihre heilende Hand auf das blutende Herz und übertünchen mit feinem Duktus so manche Untiefe in den Texten. Die Konstante Kontrast zieht sich durch das gesamte Album, auch wenn der erste Anschein übermächtig täuschen mag. Die Stars mischen hier ein bisschen nach, verzichten da auf ein Stück, schleifen die Kanten um. Denn vor Widerspenstigkeiten grämen sie sich. Ihre Leichtigkeit schmeckt nach einer satten Orchestrierung und stimmiger Abwechslung, die niemals überladen wirkt, sich nur unter der Last der Melodien hin- und her wiegt. Piano, Horn und Glockenspiel treten in Einklang mit feinen Gitarrensprenkeln und Geigenwatte. Nur vereinzelt treiben Synthesizer die Geschichten voran. Und die Refrains haken sich schneller ein, als man dazu im 4/4-Takt klatschen kann. Das todtraurige „Calender Girl“ bildet dabei den ergreifensten Höhepunkt.

Wenn man das in der popjournalistischen Gilde so übliche miteinander Ab- und Vergleichen betreiben mag, dann endet man ganz schnell in der Aufbruchstimmung der 70er, in einer historisierenden Auseinandersetzung irgendwo im Kontext der 60er Jahre. Aber das wäre ein simplifiziertes Zerrbild. Die moderneren Vignetten stauben die Delgados mit ihre Up-Tempo-Nummern ab, die anrührend-sentimentalen Balladen scheinen wie mit den Cardigans komponiert. Das einzige verstiegene, ausgefranste „He Lied About Death“ erinnert gar an die Eels. Aber egal ob knarzende Brüchigkeit, folkiger Anmut oder schaumiger Orchestergrundlage. „Set Yourself On Fire“ besticht durch Klarheit, die wie in Cellophan gehüllt zu sein scheint. Nicht immer spannend genug, aber gänzlich ohne Strecken der Langeweile. Eben frisch und kostbar schimmernd im Spektrum des Sonnenlichts.

Licht, das so manches Mal im Schwarzen Loch der Texten verschwinden zu scheint, aber am Ende doch wieder seine Fühler neugierig ausstreckt. Denn die Texte sind bei aller charmanten Melancholie nie beschwert von unnötiger Larmoyanz. Ein Album im verschlingenden Sog der Liebe, über deren Überleben und Verklären. Über das "neuen Mut schöpfen". Über das "Etwas wagen". Über das letzte Wort an der Türschwelle, das den anderen zurücklässt. Da heißt es: „All Of That Time You Thought I Was Sad / I Was Trying To Remember Your Name” oder eben “I Am Trying To Say What I Want To Say Without Having To Say“. Unendlich toll und am Ende immer lebensbejahend.

Auf der Bühne sagen die Stars Sätze wie „Hello People, We Are Stars, Like In The Sky, On TV Or In Your Dreams.” Und plötzlich hat man eine ganze Welt vor Augen. Sie steht in Flammen, der nächste Funke bereit zum Absprung. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: www.arts-crafts.ca/stars

Anspieltipps

  • Ageless Beauty, #3
  • What I´m Trying To Say, #6
  • Calendar Girl, #13
  • He Lied About Death, #10
  • Your Ex-Lover Is Dead, #1

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