Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 10/2012

Albumcover

Stabil Elite
Douze Pouze

Reden wir über die Vergangenheit! Vor einem Jahr veröffentlichte Stabil Elite aus Düsseldorf ihre erste EP "Gold", die die Zielrichtung bereits vorgab: "Krautkamerad" hieß einer der Songs und rief  unmittelbar die Assoziation "Krautrock" hervor, der dann auch musikalisch eine Entsprechung geboten wurde: Groovig und verschlungen, rockig, aber gleichzeitig experimentell und synthieverliebt elektronisch. Textlich wandte man sich ebenso der Vergangenheit zu: Dadaismus und frühe Formen der assoziativen Lyrik waren spürbar. Und zu guter Letzt ist da noch der Bandname selbst: Eine Referenz an den fiktiven Konzern des Fernsehfilms "Das Millionenspiel" aus den 70ern, der mit kritischem Blick versuchte, die Zukunft vorwegzunehmen.

All das bietet einen geräumigen Interpretationsspielraum zwischen nostalgischer Sehnsucht und einem Spiel mit Formen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das gilt nun auch für ihr Debüt. "Douze Pouze" kommt noch abwechslungsreicher daher und lässt sich mit einem bloßen Retroetikett nicht fassen, auch wenn sich "Hydravion", eine von insgesamt fünf Instrumentalnummern, musikalisch sehr nah an Kraftwerks "Autobahn" anschmiegt. Dieser verspielte Track, in dem sich zahlreiche Keyboardmelodien tummeln, ist aber wie der Rest der Platte rasierklingenscharf bis ins letzte Detail hinein streng durchorganisiert.

Für den Hörer scheint der Fortgang der Platte aber auch trotz zahlreicher offenkundigen Adaptionen jederzeit offen, man ahnt jedoch bereits nach wenigen Songs das Potenzial dieser Vielfältigkeit. Mal wird hier abstrakt und sphärisch  musiziert, dann wieder eingängig poppig. Strikt monoton gehaltene Minimalelektronummern wie der Opener "Drei gerade Zahlen" oder auch die Single "Expo" reihen sich sowohl musikalisch als auch lyrisch in die Tradition von D.A.F  ein und schlagen den Bogen zu wegweisenden NDW-Bands und der musikalischen Vergangeheit ihrer Heimatstadt Düsseldorf. Bierernst präsentierte Kinderreime - "Douze Pouze" kann aber mehr als das.

Streckenweise dominiert nicht nur das digitale Element, sondern ebenso die natürliche Instrumentierung. Die Gitarre und ein präsenter Bass sind manchmal genauso zentral wie die Synthiemelodien, zu hören bei einigen Stellen in "Agent Orange" oder "Milchstrasse". Aber auch auf "Wir kommen aus", mit dem der Band ein lupenreiner Popsong gelungen ist. Dort erfährt man dann auch, wo sich Stabil Elite gerne verorten würden: "In den Zwischenräumen" und "in den Lücken, zwischen den Stücken." Eben unauffindbar, überall und nirgends, damals und jetzt.

Genau diese Zerissenheit macht den Hörreiz der Platte aus: kaum meint man, eine Referenz klar erkannt zu haben, reiht sich ein weiteres Element in diesen traditionsbewussten und gleichzeitig undefinierbar innovativen Kosmos ein und verwischt die Quellen. Aber mit dieser Haltung sind Stabil Elite ganz nah am Selbstverständnis des Krautrocks dran, denn auch dort ging es eher darum, sich Genrekategorien zu widersetzen, als ein neues Genre zu begründen. Was für ein Teufelskreis! Eine Platte, die modern klingt und zeitgleich so reich an historischen Referenzen ist. Und dann besteht sogar noch Grund zur Annahme, dass Stabil Elite ihren Ansatz in "Endecomputer" sogar kokett kommentieren. Von der "ewigen Weiterfahrt ins Nichts" ist da die Rede und vom "kontrollierten Anbau am Altbau".

Das mag zwar teilweise etwas intellektuell wirken, tönt auf Albumlänge aber durchaus nicht angestrengt. Mit ihrem historisierenden Sound haben sie zudem momentan als eine der wenigen deutschen Bands einen ausgesprochen hohen Eigenwert. Ständig schwimmt etwas unerschütterlich Neues in diesem Fluß mit, um das die Band auch selbstbewusst weiß. Mitten in dieser Soundreise in die Vergangenheit, die sich damals noch futuristisch wähnte, singt Szymanski: "Geh vor, ich bleib, wo ich bin".  Und ist damit vielen meilenweit voraus. (Philipp Kressmann, CT das radio)

VÖ: 02.03.

Links: Homepage | Label

Anspieltipps

Expo, #2
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Endecomputer, #9
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Wir kommen aus, #7
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Milchstraße, #5
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Drei gerade Zahlen, #1
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