Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 37/2011

Albumcover

St. Vincent
Strange Mercy

Der Anfang war diesmal nicht leichter, aber simpler. Nachdem Annie Clark ihre bisherigen Alben überwiegend am Laptop konzipierte, entstanden die Songs für „Strange Mercy“ zunächst nur mit Stimme und Gitarre. Zwei Instrumente, die in amerikanischen Folk-, Country- und Rocktraditionen für authentische Unverbogenheit stehen. Über das meisterliche dritte Album von St. Vincent wird deren Klang aber wie Latex gedehnt, mit Schimmer bestäubt und über Reibeisen zerraspelt.

Denn der Sound eines Instruments ist letztlich nicht in Stein gemeißelt, sondern ein veränderbares Äußeres, nichts Statisches. Und es sind gerade Äußerlichkeiten und das was darunter liegt, Blicke und Projektionen, von denen Clark fasziniert ist.

„Did you ever really stare at me / like I stared at you?“
„I’m always watching you through a lucky hole“
„Young ma, look at me“

Nicht nur Körper, alles betrachten die Figuren ihrer Texte mit einer Intensität, die unter die Oberfläche dringen will, die Bedeutung hinter dem Gesehenen sucht. Und findet. „I’ve seen America with no clothes on“, singt sie in „Cheerleader“, denn nirgendwo sonst existieren solch enorme Diskrepanzen zwischen glanzvollem Äußerem und inneren Abgründen. So referenziert sie im Refrain von „Surgeon“ gleichzeitig erwartungsvoll und erschrocken eine Zeile aus Monroes Tagebuch („Best friend surgeon, come cut me open“), im Titelstück den nicht minder tragisch geendeten Hemingway, als würde sie eigene Erlebnisse durch den Filter des amerikanischen (Alb-)traums betrachten.

Wie wichtig die Ereignisse des vergangenen Jahres als Inspiration waren, untermauern gleich zwei danach benannte Songs: Einerseits war 2010 nämlich das „Year Of The Tiger“ des chinesischen Kalenders, zum anderen war es Annie Clarks sogenanntes „Champagne Year“ – das Jahr, in dem sie 28 wurde. Jenes Alter, das mit ihrem Geburtstag am 28. September korrespondiert. Auch in „Northern Lights“ erwähnt sie es mit Beunruhigung über den Verflug der Zeit: „Gotta get young fast / Gotta get young quick / Gotta make this last / If it makes me sick.“ Im letzten Wort flackert und oszilliert ihre für gewöhnlich stetige Stimme, bevor sie erst in ein knarziges Gitarrensolo ausbricht, später eines, in dem der Sechssaiterklang ins Gummihafte verfremdet ist. Dabei ist dies ebenso wenig ein katarthischer Moment, wie das überraschend schrille Finale von „Surgeon“, vielmehr brodelt hier eine lange zurückgehaltene, angestaute Unruhe an die Oberfläche. Eine disharmonisch verzerrte Soundkulisse, von der man jedoch nie weiß, wie lange sie anhalten mag. Genres werden durchwandert und durchkreuzt, mal dominiert der Drumcomputer, dann gibt im Titelstück wieder das Piano den Ton an. Und dabei überschreitet kein einziger Song die fünf Minuten Grenze.

St. Vincent hat sich ihre Süße und Infantilität vom 2009er-Album „Actor“ bewahrt, die an einen Disney-Soundtrack erinnert. Immer wieder färben Chorgesänge, Streicher und Holzbläser das Gesamtbild harmonisch. Gut möglich, dass dahinter auch der Einfluss der Antifolk-Szene oder Sufjan Stevens steckt, mit dem Annie Clark auch schon unterwegs war. Doch zu jedem glänzendem Schleier gibt es nun auch einen Brodel-Bass, selten trügt der erste Anschein nicht, der auch immer eine Ahnung von furchteinflößender Düsternis in sich trägt. Das ist vor allem das Verdienst der Produktionsarbeit John Congletons (u.a. Modest Mouse, David Byrne), die hier brilliert. Nicht bloß durch klare Ausformulierung, wie wenn er etwa in „Dilettante“ einen Trommelschlag erdbebenartig in den Leerraum schallen lässt, sondern vor allem mit ihren feinen, entrückenden Nuancen. Von Anfang an scheint irgendwas in „Cheerleader“ nicht zu stimmen, bis klar wird, dass unter Annie Clarks beklemmt ins Vergangene schauendem Gesang noch eine kellergepitchte zweite Stimme wabert. Es scheint, als geht es Clark vor allem darum, mit dieser Ambiguität zu spielen, zu experimentieren. Als der emanzipatorische Refrain, „I don’t wanna be a cheerleader no more“, sich davon gelöst hat, erklingen neben der kraftvoll hupenden Gitarre synthetische Hoffnungsschimmer. Nervosität und sanfte Klänge halten sich gegenseitig im Gleichgewicht.

In Zeiten halbgarer Songskizzen, selbstzufriedener Schwammigkeit und gemütlicher Nostalgie ist es gerade dieser Reichtum an klinisch klar umrissenen Facetten und Spannungsfeldern, der St. Vincents drittes Werk zu so einem beunruhigendem Meisterstück macht. Emotional und innerlich zerrissen, doppelbödig und intelligent. „Strange Mercy“ mag dabei von Nervosität durchzogen sein, aber es bleibt dabei stets eine erhabene Nervosität. (Uli Eulenbruch)

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Anspieltipps

Cruel, #2
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Cheerleader, #3
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Surgeon, #4
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Year Of The Tiger , #11
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Dilettante, #9
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