Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 20/2005

Albumcover

Spoon
Gimme Fiction

Ungekämmte Melodien, ungewaschene Arrangements, ungekannte Emotionen. Voll von abstoßenden Polen will hier nichts wirklich zusammenpassen. Eine Kunst gar, durchzechte Melodielinien so unhaftend zu platzieren, dass sie dennoch nicht beliebig, gar ermüdend erscheinen. Im Gegenteil.

Die Texaner von Spoon perfektioneren auf ihrem inzwischen fünften Longplayer ihren konsequenten Indie-Mix: einen Spagat zwischen purem Rock und Geschrammel, Pop und Folk. Und all das ohne bleibende Schrittschäden. Schrubbte sich ihr letztes Album „Kill The Moonlight“ noch durch elf Oden zwischen Harmonie und Spinnerei, liegt der Schwerpunkt dieses Mal eindeutig auf Versöhnlichkeit und vertrackter Rhythmusführung. Und gerade die Querschläger, die bisher den richtig großen Durchbruch verhinderten werden dieses Mal eher spärlich hingemogelt. Denn „Gimme Fiction“ gewichtet Pop mehr denn Noise.

Trotzdem lässt die Band kein Täuschungsmanöver unversucht. Beginnt „Sister Jack“ noch in harmonietrunkener Besinnlichkeit, wird sich zwischendurch immer wieder über die Klippe gerädert. Es schubbert, es wummert, es zerrt, schmirgelt, quietscht und kreischt. Da sind wieder die alten, schrammelnden, noisigen Spoon!
Gitarreske Störfeuer treiben „My Mathematical Mind“ in den Wahnsinn und „Was It You“ wird gleich mal vom für längst ausgestorben erklärten Elfenbeinspecht an die Wand getackert. Gerade hat man die vermeintlich suggerierte Stimmung aufgesogen, schon ist sie wieder vorbei. Verunsichernd wie geheimnisvoll. Und nicht nur hier. Bei der gemächlich dahinstampfenden, basslastigen Single „I Turn My Camera On“ wird von Mastermind Britt Daniel das Scissor-Sisters-Gedächtnis-Falsetto exerziert, bis die Ohren wahlweise besonders weit auf- oder zuklappen.

Mike McCarthy von Trail Of Dead hat auf "Gimme Fiction" ganze Arbeit geleistet und Spoons Indie-Songs punktgenau neben den Punkt produziert. Schizophrene Kompositionen, knurrige Akustik-Balladen, sprudelnde Pseude-Synthie-Nummern mit Handclaps, Streichern und Blue-Eyed-Soul. Hier werden spärliche Umrisszeichnungen, schnelle Skizzen eilens mit Substanz und Tiefgründigkeit gefüllt. Der grandios verschleppte, vom Schwermut eines Pianos erschlagene Opener „The Beast And Dragon, Adored“ bugsiert den Hörer dafür in die passende Schieflage, bis das zuckrige, an die Shins und deren Suche nach dem perfekten Popsong erinnernde, „I Summon You“ den Umkehrschluss übt.

So langsam versteht man, worum es Spoon eigentlich geht. Wenn es sich wie Rock anfühlt, weil sich die besten Momente in sublime Pixies-Klimaxe steigern, wenn Nuancen knarzender Zerbrechlichkeit geschichtet werden, trunkene Zupfereien in bester Wilco-Manier ins Dissonante abbrechen und trotzige Gitarren in Weile durchrosten. Wenn verquere Kracheskapaden urplötzlich die Balance stören und den Song samt konstante Rhythmik durch den Schredder jagen. Wenn auf obskure Verschrobenheiten dann doch kein mitsingfähiger Refrain folgt. Wenn die Rhythmusarbeit die eigene Coolness schnürt und Potenzial, Perspektive und Realness sich zu einem endlosen Crescendo aufbäumen. Wenn man Introspektive, Zurückhaltung und Zurückgenommenheit über den Instant-Hit stellt und rigoros simple und gleichzeitig so viel komplizierter arrangiert – weit weniger direkt und ungestüm wie man es könnte. Wenn Melodien nah am Ohrwurm vorbei schrammen, aber Kratzer für Kratzer ihre Tiefenwirkung entfalten.

Dann kann man sich versunken und ermattet unter einer monochromen Couch zur Ruhe legen und genussvoll den eigenen Hype erwarten. Spoon haben alles richtig gemacht. Gebrochene Gedanken verharren in rastloser Stille, Konzepte des Unvollendeten werfen einen melancholischen Blick über den Abgrund zurück: auf Songs in einer Atmosphäre voller Risse. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: www.spoontheband.com; Label: www.matadorrecords.com

Anspieltipps

  • Two Sides / Monsieur Valentine #2
  • I Turn My Camera On #1
  • I Summon You #7
  • The Beast And Dragon, Adored #1
  • Sister Jack #6

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