Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 34/2004

Albumcover

Soulwax
Any Minute Now

Bei manchen Bands wartet man sehnsüchtig auf das neue Album. Man ist gespannt, wie sie die letzten Werke noch toppen wollen, gehören diese doch zum allgegenwärtigen Soundtrack-Of-Life. Man hat aber auch Angst und das in zweifacher Hinsicht. Erstens: Die Band könnte einen mittelmäßigen Aufguss der letzten Platte bieten, sich nicht weiterentwickeln. Zweitens: Die Band könnte sich weiterentwickeln, aber in eine Richtung, die einem nicht schmeckt. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass ich all das nur schreibe, weil ich genau diese Angst habe, dass mich die neue Soulwax-Platte auf die eine oder andere Weise enttäuschen könnte. Aber dazu habe ich doch gar keinen Grund....

CUT – 2. Versuch

Der Sommer ist gerettet! Soulwax haben sich wieder zusammengefrickelt und in neues Werk auf elektronische Füße gestellt. Elektronisch wie International Pony, rockig wie The Hives, teilweise unterkühlt wie Zoot Woman, verspielt wie Beck und insgesamt: Soulwax. Tanzbar ist das Ganze nur mit ausreichender Vorerfahrung fernab von Mainstream-Riesen-Tanztempeln....aber halt....ich schreib wie für eine Schülerzeitung!

CUT – 3. Versuch

Kurzer Abriss der Soulwax-Biographie: Die zwei belgischen Brüder – Stephen und David Dewaele – wurden von je her mit allen Spielarten der Musik konfrontiert. Ihr Vater war der erste belgische Sixties-Radio DJ. So flatterten täglich Platten über Platten ins Haus Dewaele und Künstler wie die Small Faces schlugen dort ihr Nachtlager auf. Jahre später sind die Brüder für einen Hype in der Clubszene verantwortlich: Bastard Pop oder Songhybriden oder mainstreamig Mash (Hierbei werden zwei Songs zusammengemixt. David und Stephen mischten u. a. „Eye Of The Tiger“ von Survivor mit „Cannonball“ von den Breeders, „No Fun“ von the Stooges mit „Push It“ von Salt`n´Pepas. Hieaus entstand das Album „As You Heard on Soulwax Part 2“). Sie machten sie diese rechtliche Grauzone so populär, dass selbst MTV auf diesem Zug aufsprang und die Sendung „Mash“ ins Leben rief, bei der auch Musikvideos gemischt werden. In ihrer DJ-Tätigkeit sind die Brüder unter dem Namen „2 Many DJs“ , wie ein Song ihrer Platte „Much Against Everyone´s Advice“ von 1998, bekannt. Aber hier soll es um Soulwax gehen....

CUT – 4. Versuch

Langsam schleicht es sich an dich heran, kommt immer näher und schon packt es dich und setzt sich in deinem Hirn fest und du spürst es ist gut. „E-Talking“, der Opener des nunmehr 3. Soulwax-Albums „Any Minute Now“ ist wie die Ouvertüre einer Oper. Hier wird das gesamte Stil-Repertoire der Platte vorgeführt: die rockigen Gitarren, die mit Effektgeräten verzerrte Stimme, die eingängigen aber nicht einfachen Beats und die Soundfetzen, die immer wieder eingesetzt werden und dem Song die Cherry-Kirsche auf das ohnehin schon riesige Sahnehäubchen setzten. Die erste Single „Any Minute Now“ steht hier in nichts nach. Schon beim ersten Hören verliebe ich mich mal wieder in einen Soulwax-Song, der so tpisch ist: man weiß nicht was einen erwartet und erwartet das. So ist es auch bei „Compute“: 80er-Anleien, die keineswegs ein Gähnen à la habe-ich-doch-schon-irgendwo-mal-gehört hervorrufen, wirken unglaublich unterkühlt und stehen im krassen Kontrast zur warmen Stimme Stephens. Andererseits verschmelzen diese beide Aggregatzustände von Emotionen untrennbar miteinander. Dann kommt de Überraschung des Albums: Soulwax legen mit „Krack“ eine Rocknummer hin, an der sich The Strokes noch eine Scheibe abschneiden können, meint man zumindest im ersten Moment, denn plötzlich wandelt sich diese verzerrte Soundfrickelei in einen wohlgefälligen Popsong...

Dieses Album hat perfekt produzierte Elektronummern wie „Slowdance“, zum Heulen schöne Singer-Songwriter-Songs wie „A Ballad To Forget“. Dieser wirkt im Umfeld der Song-frickeleien umso spartanischer mit seiner einfachen Klavierbegleitung und dadurch umso schöner. Soulwax vereinen große Popnummern („Accident And Copliments“) mit sperrigen detailverliebten Song-Experimenten („NY Excuse“). Auch Samples sind den DJ-Brüdern nicht fremd; erinnern mich die „Hey“-Schrei aus „YYY/NNN“, was soviel bedeuten soll wie Yeah, Yeah, Yeah, No, No, No, schon ziemlich an Travis´ „Tied To The 90ies“. Abgeschlossen wird die Platte durch eine Sigor-Ros-mäßige Soundcollage, bei der man das Gefühl hat, dass hier alles reingepackt wurde, was in den anderen Songs keinen Platz fand. Aber trotzdem ist es kein Abfallprodukt sondern das perfekte Ende des kleinen Soulwax-Universums... aber Worte können Musik nie wirklich gerecht werden....

CUT – 5. Versuch

Was soll ich sagen? Soulwax können einfach nicht enttäuschen. Zwar ist „Any Minute Now“ nicht ganz so massenkompatibel wie „Much Against Everyone´s Advice“, aber was den Sound und die Strukturen der Songs angeht, sehr viel interessanter und vielschichtiger. So ist „Any Minute Now“ mehr als nur großartig!

Kaufen! Hören! Lieben!

(Sandra Zapke CT das Radio)

KÜNSTLER: http://www.soulwax.com/

http://www.soulwax.co.uk/

http://www.2manydjs.org/

Anspieltipps

  • Any Minute Now (#2)
  • Slowdance (#6)
  • Krack (#5)
  • YYY/NNN (#11)
  • A Ballad To Forget (#7)

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