Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 44/2006

Albumcover

Sophia
Technology Won´t Save Us

"Technology Won´t Save Us" prophezeien Sophia mit dem Titel des neuen Albums. Oder besser, >prophezeit< Sophia, denn nur live steht hier eine Band hinter dem Namen. In der übrigen Zeit ist Sophia das Projekt von Robin Proper-Sheppard allein. Wer keine Bandmitglieder hat, kann sie auch nicht auf tragische Art verlieren und muss nicht Jahre unter dem Verlustschmerz leiden. Ein möglicher Grund. Vielleicht ist Sophia ja auch die Therapie, um Vergangenes zu verarbeiten, eine Therapie die alleine durchstanden werden muss. Tragisches gab es genug für Robin, wer seinen Songs zuhört, kann das nachfühlen.

Gänzlich ruhig, ja fast klassisch geht der Titeltrack rein instrumental mit sanfter Orchestermusik los. Doch, wie so oft in der Klassik, brechen kurze Zeit später Musikgewalten über den Hörer hinein, Pauken untermalen die bis eben noch leichten Melodien mit einer beinahe grausigen Dramatik. Erst nach über drei Minuten wird dann klar, dass hier doch nicht gänzlich der Technologie abgeschworen wurde: Keyboards und Gitarren, ein musikalisches Donnerwetter. Dann: Stille, von jetzt auf gleich.
Als Song zwei folgt einer der besten Songs des Albums überhaupt. "Pace", gleichzeitig die erste Single. Der Song, der als einer der wenigen das Atrribut "uptempo" verdient, als Türöffner eines Albums für dunklere Stunden. Ja, das neue Sophia Werk steht den Vorgängern in Sachen Depressionstauglichkeit in nichts nach. Dennoch ist "Technology Won´t Save Us" nicht der Soundtrack zum Pulsadernaufschlitzen, sondern die Treppe aus diesem Gedanken-Folterkeller. "I just realized I can´t afford to live in this city, but who cares, noone ever smiles and the weather is shitty. Why don´t I leave, you say, but where would I go? At least with H(h)ope in my life I feel like I´ve got a home." singt er mit Hoffnungsschimmer in "Big City Rot". Viel deutlicher kann er seine eigene Situation wohl kaum beschreiben, als Amerikaner im ewig diesigen London lebend, gemeinsam mit seiner Tochter Hope. Die Doppeldeutigkeit dieser Zeile darf als Durchhaltevermögen gewertet werden, eine Eigenschaft die sich seit nunmehr gut zehn Jahren sichtbar im Proper-Sheppard´schen Repertoire befindet. Er hätte auch aufgeben können. Hat er aber nicht. Ja, er war für einige Zeit abgetaucht, widmete sich nur noch seinem Label The Flower Shop Recordings, in dem er alle Positionen in Personalunion besetzt, aber er macht weiter Musik und diese ganz und gar bezaubernd. Und eigenwillig. Auf einem Album mit zehn Tracks ganze drei davon rein instrumental zu gestalten ist einerseits gewagt. Vielleicht aber auch die einzige Möglichkeit, das gefühlte auszudrücken, frei nach Aldous Huxley "after silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music."

In "Lost (She Believed In Angels)" singt er "and I still believe in the goodness of man despite the evil in my world, and I still believe in love though I´m happy to be free of this pain" und zeigt damit seine Zerrissenheit, den Konflikt den er mit sich selbst ausmachen muss, macht sich verwundbar und angreifbar. Ehrlich und offen war er in seinen Texten ja immer. Bereits zu The God Machine-Zeiten attestierte er sich selbst, immer nur er selbst zu sein und immer nur introspektiv Songs schreiben zu können. "Technology Won´t Save Us" nimmt den Hörer in verschiedenste Momente mit, in zuversichtliche Augenblicke und tiefe Tiefen, aber nie reißt es den Hörer hinab, nie zerrt es gewaltsam an ihm. Er kann mitgehen, muss aber nicht. Das macht das Album so durchhörbar, die Brüche scheinen alle ureigenst an den richtigen Stellen zu sitzen.

Mit "Theme From The May Queen No. 3" schließt das Album wieder mit einem Instrumental. Ein Instrumental, so anders als der Opener. Man möchte schon fast Noiserock attestieren. Ein Song, der als das Ziel dieser Platte gelten könnte. Nachdem sich Sophia anfangs deutlich vom The God Machine Sound distanzierte, nähert man sich ihr wieder an, scheint jetzt wieder eine Tür geöffnet, die Richtung geebnet zu sein, für die wahre Bestimmung des Robin Proper-Sheppard. (Kristina Budde, eldoradio*)

VÖ: 27.10.2006

Künstler: http://www.sophiamusic.net | Label: http://www.cityslang.com

Anspieltipps

  • Pace, #2
  • P.1/P.2 (Cherry Trees And Debt Collectors), #9
  • Lost (She Believed In Angels), #7
  • Where Are You Now, #3
  • Weightless, #8

Hier könnt Ihr Sophia: Technology Won&#180;t Save Us - Silberling der Woche 44/2006 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar