Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 12/2009

Albumcover

Soap&Skin
Lovetune For Vacuum

Wer im vergangenen Herbst seinen Blick über die Regale eines gutsortierten Zeitschriftenhandels schweifen ließ, dem wird möglicherweise ein junges Mädchen aufgefallen sein, dass mit ihrem schüchternen, dabei leicht trotzig wirkenden Blick, ihren wirren, hochgesteckten Haaren und ihrer blassen Haut so gar nicht in die Welt der sie umgebenden Hochglanzmodels zu passen schien. Das Mädchen heißt Anja Plaschg und zierte in jenem Krisenherbst das Cover der Erstausgabe des Popfeminismusblattes "Missy Magazine." Selbst wenn sich einem dieses Gesicht nicht schon damals unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hat, sollte man spätestens jetzt beim Durchstreifen des aktuellen feuilletonistischen Blätterwaldes ein Déjà-vu-Erlebnis bekommen. Zeit, FAZ, Kulturspiegel - sie alle übertreffen sich mit ihren Lobeshymnen auf Anja Plaschg und ihr unter ihrem Künstlernamen Soap & Skin veröffentlichtes Debütalbum "Lovetune for vacuum". Und überall erblickt man wieder ihr verletzliches, seltsam entrückt erscheinendes und trotzdem auf gewisse Weise sehr selbstbewusst wirkendes Gesicht.

Es scheint mit jeder Pore die Geschichte dieser Anja Plaschg zu erzählen, die vor noch nicht mal ganz 19 Jahren im 2000-Seelen-Dörfchen Gnas in der Steiermark begann. Ihre Eltern betreiben eine Schweinemastzucht, der provinziellen Enge versucht Anja mit der Flucht in die Musik zu entkommen. Mit sechs lernt sie Klavier spielen, nimmt schon mit 14 erste Stücke auf und beginnt schließlich mit 16 ein Kunststudium in Wien bei Daniel Richter. Der musikbegeisterte Richter, selbst Betreiber des Hamburger Labels Buback, wird so etwas wie ihr Mentor, ermutigt sie, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Das vorläufige Ergebnis ist "Lovetune For Vacuum", ein erstaunliches, atemberaubendes, aufwühlendes, beklemmendes Stück avantgardistischen Kammerpops irgendwo zwischen Antony & The Johnsons und Björk. Der Wunderkind-Stempel wird Plaschg nun von allen Seiten aufgedrückt und fasst scheint es, als müsste man sie retten vor all den tonnenschwer auf ihr lastenden Hoffnungen und Erwartungen einer nach Authentizität, frischen Talenten und unerzählten Geschichten dürstenden Musikwelt, die längst schon zu einer bis in den letzten Winkel globalisierten Datenwelt geworden ist. Das Fremde, Rohe, Andere findet sich dort anscheinend nur noch in einem primitiven Stall in der hintersten Steiermark, in dem Plaschg nackt und mager zwischen Schweinen kauernd auf ihrer Myspace-Seite zu sehen ist. Ein messianisches Bild?

Dabei ist Plaschg doch viel zu sehr verstrickt in den Kampf mit ihren inneren Dämonen. Mal sitzen sie ihr direkt im Nacken, während sie eine Klage über die eigene Verdammnis zu den düsteren Mollakkorden von "Thanatos" anstimmt. Mal scheint es, als beobachteten sie sie nur durch das Fenster, wie sie in einem karg eingerichteten Zimmer eines steirischen Bauernhauses am Klavier sitzt und über simple, aber eindringliche Melodien wie in "Cynthia" oder "Cry Wolf" fantasiert. Die Melodien lassen viel Raum für Soap & Skins wandelbare Stimme und bewahren die Stücke so vor dem Ersticken in zu viel Pathos. Denn thematisch wird hier mit Tod und ewiger Verdammnis schon der große bedeutungsgeladene Pinsel geschwungen, da ist Plaschg ganz die Schülerin Richters. Spannung erzeugt das Album vor allem durch den Kontrast zwischen der intensiven, auffordernden Nähe, die in Songs wie "Extinguish Me" beinahe schmerzhaft zu werden droht, und einer gleichzeitig nie ganz einholbaren Distanz zwischen Plaschg und dem Hörer. Wie die Strahlen einer bleichen Wintersonne durch eine milchige Glasscheibe dringen die Stücke ans Ohr, gebrochen und geheimnisvoll. Ein wenig schade ist es, dass Plaschg auf weitere elektronische Spielereien wie auf dem mit grotesken Störgeräuschen und zirpendem E-Piano daherkommenden "DDMMYYYY" verzichtet hat, auch wenn der Titel aus dem Gesamtrahmen des Albums ziemlich herausfällt.

Sanft und lieblich endet das Album danach mit "Brother Of Sleep", als hätten Plaschg und ihre Dämonen zuletzt doch Frieden geschlossen. Am Ende bleibt nur leises Vogelgezwitscher zurück, der Frühling ist da, doch mit ihm auch eine bleischwere Erschöpfung, die sich in dem im Vergleich zum Beginn deutlich schwächeren zweiten Teil der Platte spiegelt. Hoffen wir, dass dies kein Omen für die weitere Karriere von Soap & Skin ist. "Waiting for the test to end" fleht sie in "Cynthia". Wir ahnen, dass ihr der wahre Test erst noch bevorsteht. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

VÖ 13.03.2009

Künstlerin: http://www.soapandskin.com | Label: http://www.couchrecords.com

Anspieltipps

  • 08 Spiracle
  • 02 Cry Wolf
  • 06 Cynthia
  • 03 Thanatos
  • 11 The Sun

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