Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 24/2007

Albumcover

Simian Mobile Disco
Attack Decay Sustain Release

Im hoffnungslos übersättigten Jammertal der Indie-Musik wütet ein reinigendes Gewitter:
Vorbei ist die Zeit in der der gewöhnliche, Rock-sozialisierte Clubgänger auf seinen Partys
nur nöliges Gitarren-Geschraddel serviert bekam. Gude Laune ist die Message! Und die
kommt seit neuestem wieder gebettet in elektrische Ladungen jenseits des bisher
Vorstellbaren oder Anerkannten. Paradigmenwechsel heißt das im akademischen Jargon. Was
die musikalische Terminologie anbelangt, bricht sich die Musikpresse derweil einen ab bei
dem Versuch die aufkeimende, unerwartete Renaissance der Dance-Musik dem
zwangsneurotischen Einordnungswahn um Himmels Willen irgendwie zu unterwerfen. Ist das
gewöhnlicher Elektro-House? Ist das neuer Indie-Dance? Und was bitte ist denn jetzt
eigentlich New Rave?

Was soll´s. Um Begriffsprägungen und Deutungshoheiten scheren sich James Ellis Ford und
James Anthony Shaw, die beiden köpfe hinter Simian Moble Disco, sowieso nicht. Ihre 2005
dahingeschiedene Band Simian war schon immer elektronisch beeinflusst, wollte aber
eigentlich in die Pop-Ecke gestellt werden. Trotz guter Presse löste sich das Projekte während einer US-Tour auf. Bereits während dieser Zeit mixten Ford und Shaw quer durch
die Rabatte und traten – erfolgreich, weil wild – als DJs auf. So entstand (grob aufs
Wesentliche verkürzt) der titelgebende mobile Tanzschuppen. James Ford produzierte im
Übrigen das Album der Klaxons, ebenso wie die brandneue Scheibe der Arctic Monkeys. Und
dann waren da ja noch die französischen Elektronik-Frickler von Justice, die 2006 die alte
Simian-Nummer „We Are Your Friends" pimpten und kurzerhand dafür den MTV European
Music Award 2006 abstaubten - vor der Nase des sich betrunken darüber echauffierenden
Kanye West. Zwar waren Simian Mobile Disco in diesem Fall nur durch das Bereitstellen der
Vorlage, also periphär für den Rummel um ihr Projekt verantwortlich, das hinter der
Überraschung verborgene Prinzip „Innovation siegt über Stillstand" erkennt man trotzdem in
ihrem Werdegang.

„Attack Sustain Decay Release" ist wie die Vorgeschichte von Simian Mobile Disco. Aus
einer undefinierbaren Ursuppe heraus steigt eine elektronische Klang-Fontäne nach der
anderen. Der Eröffnungs-Track „Sleep Deprivation" ist ähnlich wie „Hotdog" prototypischer
Chicago-House und kommt noch ganz ohne Gesang aus, während „I Got This Down" aus drei
Textzeilen eine 80er-Hommage zaubert, die musikalisch Wave und Hiphop vereint.
Spätestens „It´s The Beat" mit Ninja von der Anarcho-Beat-Truppe The Go!Team weckt die
Feierlaune. Die treibenden Kicks, die Synthesizer und eine Zäsur machen die erste Single zum
absoluten Clubknaller. Mittig auf der Scheibe wird es dann extrem sauer: Der Beat von
„Hustler" lässt am Anfang unter der coolen, belegten Stimme von Char Johnson bereits das
Bekenntnis zum Acidhouse erahnen. „Tits & Acid" heult es dann endgültig über schräge
Klangflächen und mal treibende, mal aussetzende Bässe hinaus: „Dance!" - Tanzt, ihr
Schweine!
Trotz dieser ganzen Feierei zu Ehren der synthetischen Musik hat „Attack Decay Sustain
Release" auch Platz für die etwas ruhigere Gangart. „I Believe", zum Beispiel, mit Ex-
Simian-Sänger Simon Lord ist ein sphärisch-düster durchproduziertes Popmonstrum, das auch
auf einer Air-Platte hätte landen können. Und im ebenfalls eher seichten „Love" kommt ein
Ohrwurm in Gestalt der eingängigen Hookline daher, der sich geradewegs und gnadenlos in
die Gehörgänge bohrt.

Viel überzeugender jedoch, als der unprätentiöse Umgang mit den unterschiedlichen Stilen ist
aber, dass SMD nicht lange brauchen um ihre zehn Songs aufzubauen: Mit Kleinigkeiten wie
langen Intros halten sie sich nicht lange auf, zumindest nicht auf dem Album. Kein Song
durchbricht die mutmaßlich genreübliche Mindestlänge von fünf Minuten. Wer auch nur ein
Fünkchen Elektroaffinität in sich trägt kommt nicht um „Attack Decay Sustain Release"
herum. Wenn der Begriff nicht so fragwürdig besetzt wäre, müsste man es tatsächlich New
Rave nennen. Bis ein besserer Terminus gefunden ist, reicht es ja vielleicht die senfgelben
Sneaker beim Hören anzuziehen. (Christian Erll, Radio Q)

VÖ: 15.06.2007

Band: http://www.simianmobiledisco.co.uk | Label: http://www.wichita-recordings.com

Anspieltipps

  • It´s The Beat, Track #3
  • Hustler, Track #4
  • I Believe, Track #6
  • I Got This Down, Track #2
  • Hotdog, Track #7

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