Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 26/2008

Albumcover

Sigur Rós
Með Suð í Eyrum Við Spilum Endalaust

Im Plattenladen nach dem neuen Album von Sigur Rós zu fragen ist die perfekte Mutprobe, um von der Indiepolizei deiner Stadt akzeptiert zu werden. Wer dabei eine gute Figur macht, kann sich rühmen. Der für den Nicht-Isländer eher unaussprechlichen Titel „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ bedeutet übrigens nicht, wie von einem Blogger wohl im EM-Wahn vorgeschlagen „Mit Senf und Eiern wird das Spiel gelost“, sondern laut der Homepage von Sigur Rós soviel wie „With a buzz in our ears we play endlessly“.

Die erste Single daraus ist glücklicherweise verhältnismäßig einfach auszusprechen: Sie heißt „Gobbledigook“ und überrascht zunächst, erinnert sie doch eher an ausgelassenen FreakFolk aus Brooklyn, denn an einsame Landstriche in Island. Aber Sigur Rós haben ihre musikalischen Weichen längst gestellt - der ruhelose Opener führt nur kurz auf den Pfad der sommerlichen Sorglosigkeit, bevor die Band wieder eine ästhetische Ehe mit der Elegie eingeht. Fröhlich bimmelnd und mit Fanfaren geht´s zunächst aber weiter. Keine Spur mehr von sehnsuchtsvoll in die Länge gezogenen Vokalen, die den Weltschmerz aller Indiemädchen dieser Welt bündeln, während der Regen hoppípolla ins Rotweinglas tropft - liebe Funkenmariechen dieser Welt: Am nächsten Rosenmontag wird zum Glockenspiel von ´Inní Mér Syngur Vitleysingur´ getanzt! Beinahe tanzbar ist auch ´Við Spilum Endalaust´. Übersetzt heißt das ja nun soviel wie „Wir spielen für immer“ und wie klingt es? Nun ja, es klingt nach „Schaut her, wir haben auch in Islands Unipartys, auf denen andauernd Arcade Fire laufen“. Das wäre zwar nicht unbedingt nötig gewesen - aber demnächst betrunken „ey, sppielsse ma Sigur Rós??“ in Richtung DJ zu nuscheln eröffnet doch ganz neue Perspektiven.

Die dumpfe Percussioneinheit verleiht aber nicht nur diesem Song urtümliches Flair. Bei „Illgresi“ greifen Sigur Rós hingegen zur Akustikgitarre und driften in ungewöhnlich folkige Gefilde ab. Das klingt dann endgültig nicht mehr nach Sternegucken, um der Bekanntschaft vom letzten Wochenende zu beweisen, dass man auch romantisch sein kann, sondern eher nach... nackten Isländern, die unter strahlend blauem Himmel über Wiesen und Felder laufen. Ein landläufiges Gefühl von Freiheit macht sich breit, was dem typischen Bandsound nahe kommt. Karge Landschaften, leere Räume, eiskalte Islandwinde, die durch die Gletscherritzen pfeifen. Sigur Rós’ Musik ist weiterhin schwer bepackt mit allerlei Naturmetaphern.

Es ist das Bekannte, was die Band auch auf ihrem aktuellen Werk mit Könnertum umsetzt – auch wenn die verwaschenen Ambientklänge und Shoegazeanleihen etwas entschwunden sind. Den angedachten Stilwechsel hin zur Ausgelassenheit erlebt man nur am Beginn – der Rest verliert sich im eigenen Schönklang und entrücktem Klagen. „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ - das sind schon noch Sigur Rós, auch wenn das an allen Ecken und Enden poppt und wie schon das Vorgängeralbum Takk (die Kompilation Hvarf/Heim zählt bei aller Liebe nicht als ´echtes´ Album) auch den gemeinen Coldplay-Hörer in Entzücken versetzen wird. Sigur Rós bieten mit siebenundzwanzig Millionen Plays auf last.fm ohnehin keinen Distinktionsgewinn mehr und die restlichen Titel werden einem nicht böse sein, wenn man sie zum Soundtrack des eben vorhin angesprochenen Sterneguckens macht. Und Rotwein kann man beim Hören auch noch prima trinken.

Wer noch nicht vollends versöhnt ist: Das sich langsam entfaltende, mit neunzig Leuten live eingespielte „Ára bátur“ bietet am Ende seiner fast neun Minuten Laufzeit mit Chor und Orchester einen kleinen Herz-Aufgeh-Moment, wenn man sich darauf einlässt. Eine Ode der Traurigkeit, die zuletzt dann doch pure Hoffnung verbreitet. (Laura Jil Beyer, hochschulradio düsseldorf)

VÖ 20.06.2008

Anspieltipps

  • Gobbledigook, 01
  • Illgresi, 08
  • Við Spilum Endalaust, 04
  • Inní Mér Syngur Vitleysingur, 02
  • Ára Bátur, 07

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