Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 31/2011

Albumcover

Serengeti
Family & Friends

Frei nach dem Motto “Against Bling Bling” präsentiert sich mit Serengeti ein Rapper, der auch beim absoluten Laien des Genres für den Hinhöreffekt sorgt. Denn die stereotypischen Paradigmen von HipHop werden auf “Family & Friends” ironisch und hochintelligent aufgebrochen: es geht nicht, wie sonst, um ehemalige Armut, neuen Reichtum, Waffen-, Frauen- und Drogenbesitz - so die zu hier zu Illustrationszwecken herangezogenen Klischees (Obacht, Ironie!)- sondern um wahre Befindlichkeiten. David Cohn a.k.a. Serengeti rückt sich als empathisches Wesen in den Fokus und bekennt offen “I made a mistake”. Damit ordnet er sich im Leftfield-Hip Hop ein: selbstreflexiv, aber auch stets die Gesellschaft an den Pranger stellend, eben bewusst repräsentativ für klugen Hip Hop.

Man fragt sich beim Hören der rund 30-minütigen Platte, welche Versatzstücke des Genres überhaupt übrig geblieben sind außer der gesprochenen Staccato-Attitüde. Musikalisch ist der Beat unauffällig, er kommt standhaft aber etwas schüchtern daher, wie ein Popstück aus dem Hause The Postal Service der der letztjährigen Sufjan Stevens-Platte. Glockenspiel, Plastikkeyboard und Xylophon tauchen auch dann und wann auf. Hinzu treten klare Synthiemelodien, satter Bass und sirrende Elektrogefrickel, an dem sich die Produzenten Yoni Wolf (der Frontmann von Why?) und Owen Ashworth (Casiotone for The Painfully Alone) maßgeblich beteiligt haben.

Das Album ist Serengetis Debut auf Anticon, einem Label, das mit 13& God, Alias und eben Why? bereits anderen "Indie Hip Hop" unter Vertrag hat. Und hier passt der Herr Cohn auch wunderbar rein! Zu seiner auffällig dunklen, stets sanft beharrender Stimmfarbe treten begleitend naiv verschrobene Frauenchöre, die an CocoRosie oder das Geflüster Björks erinnern. Insgesamt sind die klaren Melodien und die unagressive Stimme  jedoch Faktoren, die zu einer gewissen Fragilität führen; der Sound besteht aus wenigen Ebenen, wird nur durch vereinzelte Melodiebögen zusammengehalten und die knackige Kürze jedes Songs von weniger als 3 Minuten bemisst nur beiläufig Gewicht. Allein "The Whip" mit fünf Minuten Länge sticht hier gekonnt heraus und ist durch den Zeitrahmen auch fähig, den Beat innerhalb des Stückes zum Höhepunkt zu steigern. Bei “California” hingegen ist der Rhythmus stark geborsten, wird aber durch den poppigen Refrain und Bass aufgefangen.

Serengti erzählt persönliche Geschichten von Familienmitgliedern und Leuten aus dem Bekanntenkreis. Es ist ein thematisches Konzeptalbum. Dafür versetzt er sich, wie auch schon auf seinen sieben Vorgängeralben, gern in fingierte Charaktere. Was hier MC Serengeti selbst erlebt hat, und was hinzugedichtet ist, bleibt offen. Von Trennungsschmerz und Sehnsucht, den Anfängen als Rapper, der konsumgeilen Nachbarschaft, Drogennehmen mit dem Vater oder dem Betrügen der Ehefrau - viel Material für Geschichten, die aber niemals greifbar werden und sich trotz der Offenherzigkeit zu nichts bekennen.

Dieser gewisse Resternst und manchmal ein durchtropfendes Pathos korreliert mit der tänzelnden, kleinteiligen Hintergrundmusik und verbindet sich so zu einer Mischung, die typisch ist für den L.A. Untergrund-HipHop. Zwar fügt Serengeti mit diesem Album der Szene kaum etwas hinzu, unterhält aber leichtfüßig. So leicht, dass dieses Werk gerne auch mal nur dahinrauscht. Bei einer Koks-Party im hipster Altbau mit loungigen Designersofas zum Beispiel. Auch wenn das ganz sicher nicht im Geiste des Erfinders wäre. (Frieda Berg, Radio Q)

VÖ: 05.08.

Links: Anticon | Myspace | Facebook

Anspieltipps

The Whip, #9
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Long Ears, #3
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California, #8
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Family & Friends, #10
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Godammit, #6
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