Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 35/2004

Albumcover

Secret Machines
Now Here Is Nowhere

5 Tage mit den Secret Machines

Tag 1:

Ich halte das neue Secret Machines Album in den Händen. Es heißt "Now Here Is Nowhere" und hat ein interessantes Cover. Und das meine ich jetzt nicht im Sinne von interessant wie "schmeckt … ääh, interessant" sondern eher wie tatsächlich würdig, sich damit zu beschäftigen. Wie ein Suchbild. Abgebildet ist ein weisser Raum und der ist vollgestopft mit allem, was der geneigte Musiker zum musizieren braucht. Aber, und das macht das Cover zum Suchbild, alle Geräte sind auch weiss oder silber. Sehr schön, das lässt auf den Inhalt hoffen. Als ich zum ersten Mal das Album anhöre, denke ich "Oh, experimentell." Und direkt danach "Wahrscheinlich Liebhabermusik. Ich muss mal was über die Band rausfinden." Ein kurzer Blick in´s Booklet verrät schon, dass die ultimative Erfolgsformel für Bands auch bei den Secret Machines gültig ist: zwei Brüder spielen hier zusammen. Beim Aufklappen des Booklets werden die Augen nach dem weiss-silbrigen Cover direkt rot-geschockt. Die Farbpalette ist schon mal sehr breit gefächert, hoffentlich die musikalische auch.

Tag 2:

Das Album habe ich jetzt einige Male komplett durchgehört und muss mich daran gewöhnen. Wie finde ich das denn jetzt?? Eher gut, aber noch haut´s mich nicht aus den Latschen. Mutig finde ich allerdings, dass die Secret Machines ihr Album mit einem 9-Minuten-Song eröffnen.

Tag 3:

So, bis jetzt habe ich folgende, spannende Dinge über die Secret Machines herrausgefunden: die drei Jungs heißen Josh Garza, Brandon Curtis und Benjamin Curtis, kommen ursprünglich aus Dallas, Texas und haben nach diversen anderen Bandanläufen im Juli 2000 die Secret Machines gegründet. Sie hören am liebsten Pink Floyd, La Düsseldorf, Can, Neil Young und My Bloody Valentine und weil Dallas ja bekanntermassen nicht der Nabel der Welt ist, beschlossen sie ins künstlerisch wertvolle New York zu ziehen. Da das finanziell eher schwierig war, zog man erst mal nach Chicago, nahm die erste EP "September 000" auf und mit dieser im Gepäck dann nach New York. Weil sie aber fast alles Geld für die Studioaufnahmen ausgegeben hatten mussten sie in New York zu dritt ein 1-Zimmer-Appartement beziehen und auf Gelegenheitsjobs hoffen. Ganz schlecht war das allerdings auch nicht, es hat sie nämlich sowohl menschlich als auch bandtechnisch näher zusammenrücken lassen und war schließlich die Hauptinspiration für dieses Album.
Das gefällt mir im übrigen immer besser, mit meinem Vorurteil der Liebhabermusik an Tag 1 lag ich also schon mal gar nicht schlecht.

Tag 4:

Ich habe erste Lieblingslieder auf dem Album! Song Nummer 8 "Light´s On" gehört definitv dazu! Er beginnt schrammelig und mit leicht verzerrtem Gesang und entwickelt sich dann immer mehr zu einer wahren Sound-Perle, mit einer so schönen und eingängigen Melodie, dass ich ihr direkt zum Ohrwurm-Opfer werde.
Der erste Song auf dem Album "First Wave Intact" ist mit seinen 9 Minuten Spielzeit der längste Song auf dem Album, aber, ganz ehrlich, das merkt man nicht. Der Song wird einfach nicht langweilig! Man hört zwar schon ein bisschen den Krautrock-Einfluss, aber der fügt sich in die Komposition ein ohne unangenehm aufzufallen. Nein, ich bin wirklich kein Krautrock-Fan, aber die Secret Machines schaffen es irgendwie ihre Musik damit zu vermengen und zu einer schönen Elektro-Gitarren-60ies-Melange zu vereinen. Der enttäuschendste Song ist der Titeltrack des Albums und der letzte auf der Scheibe. Der hat ein richtig nervendes Intro. Ich wollte schon den Player anhalten, aber da wurde aus dem Song noch mal was. Wenn man also die ersten knapp drei Minuten überhört, ist das sogar ein netter Song. Naja, die letzte Minute wird nochmal anstrengend aber dafür hatte man ja schließlich auch über vier Minuten Hörgenuss. Ja, ja, nennt mich einen Banausen, aber ein Song kann auch einfach losgehen ohne dass ich vorher mit einer merkwürdigen Soundkulisse darauf vorbereitet werde.

Tag 5:

Heute will ich diese Rezension fertig schreiben und denke schon seit zwei Stunden darüber nach, wie ich "Now Here Is Nowhere" abschließend finde. Die Liebe der Secret Machines zu Pink Floyd macht sich vor allem in der Länge der Songs deutlich, nur ein einziger Song unter vier Minuten und zwei Songs über acht Minuten. Und Can lassen immer mal wieder zwischendurch grüßen und an einigen Stellen höre ich Ähnlichkeiten mit Archive. Aber ich lehne es ab mich in Vergleichen zu verlieren, denn das passt wirklich selten. Und auch wenn dieser Spruch sowas von abgenudelt ist: die Secret Machines lassen sich schlecht in eine Schublade stecken. Definitiv fest steht, dass sie zur Zeit endlich mal wieder was anderes bieten, als der Rest vom Fest. Die Secret Machines klingen anders als die zuletzt extrem gehypten The-oder-sonstwie-Retro-Bands.

"Now Here Is Nowhere" war bestimmt keine leichte Geburt, da wurde stellenweise wahrscheinlich nächtelang an 10-Sekunden-Passagen geschraubt um auch wirklich alles rauszuholen was rauszuholen ist. Auf Dauer wird das schon mal anstrengend. Mein Problem mit dem Album aber ist: ich kann die Grundstimmung nicht finden. Das fehlt mir so ein bisschen bei dieser Scheibe. Es ist streckenweise sehr ruhig, aber nicht düster, manchmal straight nach vorne raus, aber nicht rockig. Wenn ich mich einfach nur hinsetzen und zuhören möchte bin ich bei den Secret Machines an der richtigen Adresse. Aber will ich das? Von mir aus könnte es ruhig noch etwas mehr abgehen!

(Kristina Budde, eldoradio*)

KÜNSTER: www.thesecretmachines.com

LABEL: www.repriserecords.com

Anspieltipps

  • Nowhere Again #4
  • Light´s On #8
  • The Road Leads Where It´s Led #5
  • Sad And Lonely #2
  • Pharao´s Daughter #6

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