Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 23/2006

Albumcover

Seachange
On Fire, With Love

Mit brachialer Hand gefertigt, aus Enttäuschung, Wut und Unverständnis emporgestiegen. Ein störrisch-trotziger Brocken, ein Bastard der Galle spukt und wild um sich tritt. Rütli für Fortgeschrittene.
Man hätte wohl nur verständnisvolle Blicke übrig, wenn Seachange aus England den schwarzen Weg gewählt hätten. Denn die Plattenverkäufe ihres Debütalbums „Lay Of The Land“ waren nur mit den feinstgestimmten Seismographen messbar, die Touren mau besucht und der NME erklärte die hunderttausendsten Wavepopper zur besten Band seit Nirvana und witterte bei Seachange so viel Zukunftspotenzial wie in der dreckigen Brühe im Eimer der Redaktionsputzfrau. Das Ende der Karriere leuchtete schon quälend auf, noch bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Zuletzt setzte Matador, das durchaus umsichtige Label, das den Erstling veröffentlichte kurzum einen dickroten Schlussstrich unter die kurze Affäre.

Mit leeren Händen und Taschen standen die sechs vor ihrem krachledernen, gleichzeitig subtil melodiösen und Melancholie gespickten Album und verstanden die Welt nicht mehr. Aber deswegen resignieren oder den Zorn in bitterböse Texte und höllenglutene Songs verpacken? Das wäre der Einfachheit zuviel und so gar nicht passend zu diesem sehr reflektierten und vielschichtigen Gespann. Eine neue Heimat wurde gesucht und beim deutschen Indie Glitterhouse gefunden, was zum eigenen Anspruch der Zeitlosigkeit zu genügen nur allzu gut passt. In England hingegen wird ihr zweites Album nicht erscheinen.

Die Entfremdung, die sich auf „Lay Of The Land“ in durchdrungener Melancholie äußerte, ist lieblicheren Themen und Formalien gewichen. Jeder Ton, der auf dem Vorgänger noch asymmetrisch frisiert wurde, bekommt eine zweite Chance. All You Need Is Love. Natürlich nicht im Beatles-Süßstoff-Sinne, sondern im Kosmos Nottinghams, das –so besagt schon das Klischee- außer einem Held in Strumpfhosen nur Tristesse und Nichtbeachtung übrig hat. Und damit kennt sich die Band inzwischen ja vorzüglich aus.
Wo das Zerfahrene, das leicht Verlauste die Tür des schnellen Einhörens beim Debüt geschlossen hielt, gedeihen nun gediegenen Schönheiten. Ein wenig so, als hätten die Band ihre Songs behutsam mit einem schweren Kamm aus Elfenbein durchkämmt. Was bleibt, ist pure Wohltat.

„Annie, Tacoma“ darf zunächst noch einmal so richtig losknattern, bevor bei „Midsummer Fires“ Fidel und alte Folkschunkler herausgeholt werden. Als Souvenir von Zuhause, das warm hält und Sicherheit verspricht. Ein bisschen amerikanische Heimat für die englische Seele. Und weil die das durchaus ernst meinen, gucken die Decemberists bei „Anti-Story“ wohl etwas blöde aus der Wäsche. Denn den Song hätten sie auch gerne auf ihrem nächsten Album gehabt. Seachange nehmen sich zudem einfach die Freiheit, auch Spaß an simplen Dur-Riffs zu haben und sogar ein hoffnungsjauchzendes Weihnachts-Ständchen fehlt nicht. Seachange dürfen das. Sie dürfen fast alles. Denn selbst das Baumfällerhemd von „Punch And Judy“ und das hingepfuschte „Youth And Art“ werden zwar keine Klassiker, aber setzen zwischendrin wenigstens keinen Staub an, so dass „On Fire, With Love“ so rund ist, wie man das im Rundlederjahr 2006 erwarten kann. Und fordernd bleiben die Songs allemal, auch wenn Protestmarken eher selten geklebt werden. Es reihen sich elf abgewetzte Hymnen, die jedes Mal dem Makel der Aufdringlichkeit die Kehrseite zeigen und von der umsichtigen und altmodischen Produktion profitieren. Zum Abschluss verwirrt „In“ mit krudem Text und wunderschönen Melodien: „I like to thank personally my manager, my friends, my family” und ein bisschen auch sich selbst.

Und so steht nach unzähligen wieder verworfenen Songs und den, die letztendlich geschafft haben, das robusteste, persönlichste und versöhnlichste Indie-Album des Jahres und darüber hinaus. Wie es weitergeht mit Seachange diktiert nun ganz alleine die nahe Zukunft. History Repeating? Bitte nicht. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Band: http://www.seachangemusic.com | Label: http://www.glitterhouse.com

Anspieltipps

  • Annie, Tacoma, Track 1
  • No Backward Glances, Track 3
  • In, Track 11
  • Midsummer Fires, Track 9
  • Shooting Arrows, Track 6

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