Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 14/2010

Albumcover: Scuba - Triangulation

Scuba
Triangulation

Es ist eine herrliche Eskapismus-Phantasie: Wie wäre es in einer Welt mit der Droge schlechthin – Soma - zu leben? Keine Nebenwirkungen, nur pures Glück. Jeder, der Aldous Huxleys monumentale Dystopie „Brave New World“ gelesen hat, wird sich spätestens dann diese Frage gestellt haben. Es gibt dort eine Szene, in der eine junge Frau völlig benebelt in ihrem Bett liegt. Im Kopfkino stellt man sich einen kubrickesken Saal á la „2001: A Space Odyssey“ vor, in dem sie liegt. In der Hand hält sie noch wenig übrig gebliebene Soma-Tabletten, den Rest hat sie bereits vor ungezügeltem Verlangen geschluckt. Sie driftet ab in ferne Welten. Der Fernseher ist an, das Radio läuft. Doch sie nimmt all diese Nebengeräusche nicht mehr wahr. Sie ist gefangen in ihrer eigenen Soma-verworrenen Welt. In ihrem Inneren hört sie vielleicht ein Rauschen. Einen Beat. Ein melodiöses Labyrinth.

Ähnlich entgrenzt kommt das neue 60-minütigen Werk „Triangulation“ des Londoner Dubstep-Pioniers Scuba daher. Schon mit seinem Debüt „A Mutual Apathy“ begeisterte er nicht nur die cool kids from shoreditch, sondern auch die Genre-Kritiker in den hippen Büros in Central London über alle Maßen, baute er seine Beats doch in einer nasskalten Umgebung, wo sie behutsam einen Raum ertasteten, der mit mysteriösen Untiefen versehen war. Und doch hallen auch auf seinem neuen Werk vor allem urbane Klänge nach. In den 80ern war Shoreditch nichts weiter als eine graue Wüste, Sinnbild der vorherrschenden Industrialisierung und damit die Brutstätte von britischen New Wave/Industrial-Größen wie Throbbing Gristle und den Pet Shop Boys.Paul Rose, Mastermind hinter Scuba, kann seine Wurzeln nicht verleugnen.

Startet das Album noch mit dem sphärischen 2-Minüter „Descent“ wird es beim nächsten Song „Latch“ schön deutlich industrieller. Doch gelingt Scuba hier ein unkonventionelles Crossover von Industrial, Techno und seinem Steckenpferd Dubstep. Eine Homogenität, die den wenigsten gelingt. Schnörkellose, wenig organische Beats treffen hier immer wieder auf kaum greifbare Flächen, die wie Nebelschwaden das Album durchziehen. Man taucht ein und spürt den üblichen Druck in den Ohren nicht. Man schwimmt mit der Welle die Scuba hier erzeugt. Wie der Name von Paul Roses Projekt schon erahnen lässt, ist er von dem einen der vier Elemente höchst angetan (Scuba = Self-Contained Underwater Breathing Apparatus, das gängige Taucherutensil). Weiterhin ist Wasser ein omnipräsentes Thema auf „Triangulation“, wobei der fesselnde Charme der Unterwassererkundungen nicht mehr so ausgedeutet wird, wie noch auf dem Vorgänger, der deutlich atmosphärischer und langsamer daherschwamm. In „Minerals“ hört man Wassertropfen, aber nicht nervtötend wie bei einem kaputten Wasserhahn, sondern elektrisierend und beruhigend zugleich wirken.

Bei aller Tiefe übt Scuba dennoch eher Verwaltungstätigkeiten aus als rasende Experimente in Sachen Neudefinition des Dubsteps zu wagen. Es sind die Trademark-Klänge, die hier überwiegen. Schnörkellos bisweilen und nahe an House-Klängen, die aber ebenso eine sinnliche Qualität aufbieten können. Auch dann noch, wenn die Dubplate-Verästelungen eher distanzierend wirken.Bei „On Deck“ wird es allerdings UK-funkyund fordert zum hemmunglosen Tanz auf, um nur einen Track später wieder ins nächtliche Abzudriften und eine düstere Vision zu entwerfen.All das mag einen Eindruck von der Varianz geben, die den Hörer hier erwartet. Seine Einflüsse sind vielfältig. Vielleicht sampled Scuba bei seinem nächsten Set sogar das Geräusch der vom Gesicht herunter laufenden Schweißperlen der Berghain-Residente? Schließlich ist Scuba seit 2007 dort Stamm-DJ und organisiert auch seine Label-Geschäfte in der deutschen Hauptstadt. In der Stadt, in der Techno groß wurde. Kein Wunder also, dass er auf „Triangulation“ auch Techno-Muster benutzt, wie in „You Got Me“. Scuba macht das aber in nicht in your face, sondern sehr überlegt und wirkungsvoll. Und immer wieder überraschend! Denn schon wieder ist der nachfolgende Track einer 180°-Kehrtwende unterworfen: „So You Think You’re Special“ täuscht Behäbigkeit an, ist aber durch das gelegentlich einsetzende Up-Tempo nicht einschläfernd. Eher ein irrer Trip, der im darauf folgenden „Heavy Machinery“ durch die leichten Glöckchen, Bläser und Drums sein paradiesisches Ziel findet.

Der letzte Track dieses gelungenen Dubstep-Albums, der den adäquaten Titel „Lights Out“ trägt, ist eine epochale Konklusion der vorangegangen Stücke und verlangt noch einmal in den letzten acht Minuten alles vom Hörer ab. Am Anfang Applaus-artige Geräusche, der steigende Puls, das rauschende Blut in den Ohren. Und dann, in der letzten Minute kommt man runter, es wird langsam, der Track fadet aus. Es ist vorbei.Was bleibt ist eine euphorisch stimmende, narkotisierende und angenehm halluzinogene Nachwirkung. Die gleiche wie bei Soma. (Alice Polansky, Hochschulradio Düsseldorf)

VÖ: 26.03.2010

Künstler: www.myspace.com | Label: www.hotflushrecordings.com

Anspieltipps

  • 03, Three Sided Shape
  • 09, So You’re Think You’re Special
  • 04, Minerals
  • 10, Heavy Machinery
  • 05, On Deck

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