Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 42/2011

Albumcover

Rustie
Glass Swords

Rustie ist erst Ende 20, aber als Beatmessie ist er schon ein paar Jahre Großmeister. In seinem Laptop sammelt er Skizzen, irrsinnige Samples und zurechtgebogene Beats. Es sieht aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. So steht der Glasgower nun vor dem riesigen digitalen Scherbenhaufen und auf einmal glühen die Synapsen seines Hirns. Die zündende Idee: Statt Tine Wittler oder das Entrümpelungskommando von RTL2 vorbeizuschicken, lötet er die Fragmente einfach provisorisch zusammen und schickt sie mit kurzem Gruß zum Hip-Label Warp: „Schöne Grüße aus der Zukunft, sincerely Rustie“.

„Glass Swords“ ist zwar erst sein Debütalbum, aber mit dutzenden Singles und EPs ist der junge Schotte zumindest in eingefleischten Kreisen kein Unbekannter mehr. Wie auch, sind doch seine Tracks um Auffälligkeit bemüht, scharfkantig, vielköpfig und rasend bunt. Abstraktion und Dekonstruktion heißen seine Lieblingsspiele, erst an zweiter Stelle folgen fiese Quietsche-Entchen-Synthies, Rhythmen mit Knoten im Bein und fette Wonky-Bässe, die sich selbst in die Magengrube schlagen.
 
Klingt komisch? Klingt komisch.
 
Wer beim Trance-Riff von „After Light“ (Track 10) angekommen ist, wundert sich selbst darüber nicht mehr. Vorher wurde schon zuhauf retrofuturistisch musiziert, im permanenten Verlangen, die Schrecken der 80er Jahre um ein Vielfaches zu übertreffen. Gepitchte, aber cleane Synthies, klebrige R’n’B-Anleihen, 8-Bit-Videospiel-Schnipsel, pfeifende Disco-Synthies. Dieser HipHop-Wahnsinn hat Methode. Alles wirbelt, alles attackiert so tollwütig, dass spätestens bei Song vier das von den Soundeindrücken vollkommen überforderte Gehirn nur noch traurig über der Reling hängt.
 
Dabei startet das Album noch recht freundlich – in den ersten zwei Minuten zumindest. Da gibt es bloß ein verhalltes Metal-Riff, man schaut noch schnell in der Kirche vorbei, bevor dann das Rauschen einsetzt, das bei „Flash Back“ unmittelbar mit den erbärmlichsten Käsesynthies beginnt, von denen Rustie generell ganz exzessiv Gebrauch macht. Die ausgegebene Maxime lautet dabei: Grell, billig, geil. Super Mario springt im Pilzland umher.
 
Wer nach den ersten beiden Songs nicht abgeschaltet hat, ist schon mitten drin in dieser kurios und unendlich überladenen Welt von Rustie. Der maximal ausreizt, aber dabei oftmals auch übertreibt. Dort regiert das funkige „Hover Traps“, werden Rave-Tunes aus des Müllmanns Hose geholt und der Sequenzer läuft permanent auf Exzess. Schnatternd brechen die Songs auseinander, überschlagen sich und wissen danach nicht mehr, wer oder was sie überhaupt sind: Neon-R’n’B? UK-Funky? Wonky? Nicht simpel, das irgendwo zu subsumieren. Das Fachmagazin Groove nennt es sogar Prog-Dubstep, um Wirkungsfaktor und Komplexitätsgrad dieser Musik fassen zu können.
 
Deutlich wird das beispielsweise auch bei „Surph“, bei dem verschiedenste Genre-Elemente konvergieren, nur um am Ende doch wieder die Scheidung einzureichen. Ein Psychologe würde wohl ADHS diagnostizieren und hoffen, dass er denen nicht noch einmal über den Weg läuft. Denn über weite Strecken ist „Glass Swords“ ein enervierender Mix, noch knalliger als viele Entwürfe des Kollegen Hudson Mohawke (ebenfalls bei Warp gesignter Beatmusiker). Der jedoch versteht es eine gewisse Coolness im Subtext zu erzeugen, die dem Ganzen eine Ebene mehr hinzufügt, wo Rustie es nur „rasant“ kann.
 
Das euphorische „Globes“ ist entsprechend im Grunde ein schlichter Täuschungsversuch, denn dieser Track schmeißt sich ebenso nach ein paar Sekunden auch die Smileys rein. Aufgedreht und überdreht wie der Kirmesrocker „After Light“. Und wenn man glaubt, es könne nicht mehr ärger kommen, dann steht plötzlich so ein kirrer Hit wie das nervös zuckende „Ultra Thizz“ vor der Tür. Zunächst noch charmant mit Handclaps, später tönend wie ein gefräßiger Schredder, in dessen Rachen ein Feuerwerk entzündet wurde. Alles explodiert, stiebt auseinander, fängt Feuer. Spätestens dann wundert einen hier nichts mehr. Gleich mal das Licht ausknipsen. Diese CD „glows in the dark“. Bestimmt. (Markus Wiludda, eldoradio*)
 

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Anspieltipps

All Nite, #12
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Ultra Thizz, #7
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Globes, #6
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Hover Traps, #4
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Surph, #3
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