Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 02/2014

Cover: Run The Jewels

Run The Jewels
Run The Jewels

Dass Killer Mike und El-P auf einer Wellenlänge liegen, kann man schnell erkennen, wenn man sich ein paar Interviews mit den beiden anguckt. Auf Killer Mikes 2012er Album "R.A.P. Music"haben sie zum ersten Mal zusammen gearbeitet. Und das sehr erfolgreich. Die Platte des Rappers aus Atlanta war ein ziemliches Rap-Schwergewicht, zu dem der New Yorker El-P als Producer die wuchtigen Beats beisteuerte. Beide waren so zufrieden, dass sie ein neues Projekt unter dem Namen "Run The Jewels" ins Leben riefen. El-P hatte auch dieses Mal wieder ausschließlich seine Hände an den Reglern, aber gleichzeitig auch am Mikrofon. Das Ergebnis ist ein genauso aggressives Biest, wie es schon "R.A.P. Music" war. Doch das weiß El-P in den ersten zehn Sekunden des Albums zu verschleiern. Leise verhallt eine Folge aus zwei Gitarrentönen, ein Trompetenton stößt in das Vakuum. Die sphärischen Klänge lassen den Hörer in absoluter Unwissenheit darüber, was für eine Monsterwelle da auf ihn zurollt. Und im Bruchteil einer Sekunde ist sie da und reißt alles weg, was sich ihr in den Weg stellt. Düster brodelnde Basslines schieben sich langsam unter einem aufgewühlten Beat her während El-Ps und Killer Mikes Verse darüber fliegen. Im Refrain bricht die elektronische Klangfläche auf, der Drumcomputer schweigt und wird durch wirbelnde Bongos ersetzt, Hammondorgel und Trompete geben dem Track einen organischen Kontrapunkt. Simple Beats waren noch nie die Sache von El‑P, Genregrenzen schon gar nicht. So ist am Ende von "A Christmas Fucking Miracle" ein kurzes Gitarren-Solo eingestreut, und auch in "Job Well Done" finden sich versprengte, verzerrte Gitarren, während der Fokus aber immer auf den mit pumpenden Beats unterlegten Synthie-Sounds bleibt. In der Hook wird der Auto-Tune ausgepackt – der gute Ton, der sich gehört kommt ja nicht unbedingt von selbst – und El-P "besingt", wie die Beiden verbrannte Erde hinterlassen. In den Strophen untermauern sie dieses Szenario mit ihren bissigen, aggressiven Raps, die genretypisch die eigene Überlegenheit klarstellen. Sehr viel mehr ist da auf textlicher Ebene aber auch nicht, wodurch die Lyrics des Albums etwas eindimensional und repetitiv erscheinen. Auch wenn die ein oder andere coole Line aufblitzt, wie in "Sea Legs" ('I write for the writers that write for the liars that impress you and your parents'), wirkt es auf die Länge des Albums eher ermüdend und die unterlegte Musik dadurch austauschbar. Von den zehn Tracks bilden nur "No Come Down", "A Christmas Fucking Miracle" und "Ddfh" die Ausnahme. Besonders letzteres hätte viel Potential gehabt, die eigene textliche Comfort-Zone zu verlassen und Musik und Lyrics stärker miteinander zu verzahnen. Killer Mikes Stärke, auch politische und gesellschaftliche Themen analytisch anzupacken, hat er auf "R.A.P. Music" mit Songs wie "Reagan" und "Don’t Die" ziemlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt. In "Ddfh" blitzt das Potential auf, wenn er mit den Zeilen "Cops in the Ghetto they move like the Gestapo, drunk of their power and greed, they often hostile" in wenigen Sätzen eine starke Szenerie entwirft, die mit den dystopischen Synthiesounds à la Blade Runner eine dichte Atmosphäre erzeugen. Die etwas platte Schlussfolgerung, dass Hoffnungslosigkeit zum Kiffen führt (im Chorus mit "Do dope, fuck hope" verbalisiert und rihanna-esquen Eh-Eh-Ehs untermalt), enttäuscht etwas und bleibt weit hinter den Fähigkeiten Killer Mikes zurück.

Aber diese kleineren Schönheitsfehler ändern nichts daran, dass es eine roughe, dichte und düstere Rap-Platte ist. Die beiden Enddreißiger heben sich damit deutlich von den eher smoothen und melodiösen Veröffentlichungen von jüngeren, amerikanischen Hip Hop Kollektiven wie Pro Era und Odd Future oder dem Top Dawg Entertainment Umfeld ab. Mit ihren aggressiven Sounds und Raps stehen sie ihren Kollegen aus der eigenen Altersklasse, wie z.B. Vinnie Paz von Jedi Mind Tricks, deutlich näher. Aber zum alten Eisen gehören sie ganz bestimmt noch nicht.

Homepage mit Gratis-Download des Albums | Label | Facebook

Anspieltipps

Run The Jewels, #1
Link:

Job Well Done, #6
Link:

Banana Clipper, #2
Link:

A Christmas Fucking Miracle, #10
Link:

Ddfh, #4
Link:

Archiv aller Silberlinge

radiobar