Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 37/2008

Albumcover

Roots Manuva
Slime & Reason

Bei Hip Hop denkt das Gros der Musikhörer zumeist erst einmal an die USA mit ihren achso coolen Gangstarappern, die Dank der Massen an Schmuck, die sie tragen, blinken und blitzen wie eine Bordelltür. Musikalisch gibt´s dann heutzutage in den bekannteren Gefilden einen austauschbaren Einheitsbrei, an dem man sich schon längst pappsatt gehört hat und doch klingelt bei diesen Jungs immer noch eifrig die Kasse. Und die Einfallslosigkeit wird sogar mit hohen Bekanntheitsgraden belohnt.

Wagen wir nun einmal einen Blick nach Europa, genauer gesagt nach England, wo man lange Zeit vergebens nach Hip Hop-Größen suchte. Mittlerweile findet man aber auch dort eine eigene Spezies von Hip Hop-Künstlern, die sich langsam aber sicher auch einen einprägenden Namen erarbeiten, wie z.B. Dizzee Rascal, Wiley oder The Streets. Der Style der Briten ist natürlich ein anderer, eruiert zumeist auf karibischen Beats und einer urbanen Atmosphäre, die nicht so sehr mit den Materialismen der amerikanischen Rappern aufgeladen ist. Und auch musikalisch fischen sie abseits des einheitlich US-Hip Hop-Mainstreambreis. Die Einflüsse, besonders der Spielarten des Londoner Undergrounds, prägen die Szene und geben mehr Impulse als die doch eher traditionelleren amerikanischen Pendants. Dafür gibt´s dann halt im Vergleich nicht ganz so viel Asche aufs Konto, aber wer immer noch meint, die Welt sei gerecht, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

Ein ganz spezielles Individuum des britischen Hip Hop lernen wir mit Rodney Smith, besser bekannt unter dem Namen Roots Manuva, kennen. Dieser gilt zwar seit einigen Jahren als die große Hoffnung des britischen Hip Hops, der vielleicht sogar die US-Vormachtstellung zumindest im Königreich ins Wanken bringen könnte, aber schlussendlich ist er trotz allem bis heute da geblieben, wo er auch aufgetaucht ist, nämlich im Underground. Auf seinem neuesten Album "Slime & Reason" wird sein Name quasi ein wenig zum Programm, denn er geht nach eigenen Angaben back to the roots und versucht an die alte Channel One- / Studio One-Ästhetik anzuknüpfen. Wer nun denkt, dass Rückbesinnung gleichzusetzen wäre mit altbacken, der irrt, denn schließlich reproduziert Roots Manuva nicht einfach schon Dagewesenes, sondern er schafft eine Melange aus Altem und Neuem, die Spaß und Abwechslung bringt.

Und woraus besteht nun diese Schnittmenge? Aus Grime, Drum´n´Bass, Jungle, Dub, Dancehall und nicht zuletzt Reggae. Auch hier kann Roots seine selbigen nicht verleugnen, denn seine Eltern stammen nämlich aus Jamaica. Der Song, bei dem am meisten Jamaica-Feeling mitschwingt, ist wohl gleich der Opener "Again & Again", der mit seinem repetitiven Muster gleich auch die Ohrwurmqualitäten unter Beweis stellt. Die Rap- und die Singstimme sind dunkel und angenehm, im besten Sinne unauffällig. Ebenso lässig sind die Inhalte, die nebst den gewohnten Selbstverweisen mit Ironie und Kürze im Vergleich zu anderen seiner Spezies unter dem Strich positiv punkten, auch wenn die Wortgewalt sicherlich auf dem Vorgänger noch prägender ausfiel.

Dennoch bietet Album #4 besonders auf musikalischer Ebene viele Reize. Die Titel sind variabel, die Beats aktuell und knackig. Bei der ersten Singleauskopplung "Buff Nuff" überwiegt mit fetten Tiefenbässen das angesagte Dancefloor-Feeling. Aber auch ruhiger anmutende Titel sind vorhanden. "Let The Spirit" ist so ein etwas souligerer Song, obgleich er mit interessanten rhythmischen Klickgeräuschen, die an alte Computerspiele erinnern, beginnt und natürlich von einem satten Bassrhythmus zehrt, der aber immer funky bleibt. Die wabernden Synthieklänge erzeugen gepaart mit dem Backgroundgesang fast schon eine entspannende Wellnessstimmung für die Ohren. "A Man´s Talk" schafft am Anfang durch Streicher- und Pianoklänge auch eine gewisse Grundruhe, die allerdings durch elektronisch verzerrte Elemente aufplatzt. Insgesamt also ein Album, was auf Altbewährtes zurückgreift, Neues hinzumischt und so einen abwechslungsreichen Mix ergibt, mit dem man sich gerne beschallen lässt. Durch den hohen Popanteil und die unterschiedlichen Ausrichtungen dürfte das Album zudem auch über die klassischen HipHop-Klientel hinaus Anklang finden, zumal die wirklich krassen Experimente sich dann doch nicht auf diesem Album finden lassen.

Roots Manuva scherzt, dass er sich mit James Blunt im Studio treffen will, um, gänzlich unenglisch, Wein zu trinken und Kuchen zu essen. Was dabei dann rauskommt weiß noch keiner. Wir erwarten wie immer nur das Beste. (Florian Hesse, Triquency)

VÖ: 29.08.2008

Künstler: http://www.rootsmanuva.co.uk | Label: http://www.bigdada.com

Anspieltipps

  • Buff Nuff, Track 07
  • Let The Spirit, Track 04
  • Again & Again, Track 01
  • A Man´s Talk, Track 06
  • I´m A New Man, Track 12

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