Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 36/2011

Albumcover

Roman Flügel
Fatty Folders

Ob nun Alter Ego, Soylent Green, Eight Miles High, Sensorama, Acid Jesus oder Roman IV - hinter all diesen ominösen Pseudonymen verbirgt sich ein Name: Roman Flügel. Der Produzent und in der Elektroszene nicht wegzudenkende Live-Virtuose hatte seit den späten Neunzigern in zahlreichen Musikprojekten seine Hände im Spiel. Bei fruchtbaren Kooperationen mit Künstlern wie Sven Väth und Ricardo Villalobos, lag es nicht fern, selbst ein Label zu gründen. Und aus einem Label wurden dann schließlich drei: Playhouse, Ongaku und Klang Elektronik, unter deren Obhut über einhundert Künstler wie Recloose und Isolée stehen oder standen. Nie jedoch erschien ein Album unter seinem eigenen Namen, doch eine Dekade nach seinem bisher wohl bekanntesten Song “Geht’s noch?”, der 2005 in den Clubs rauf und runter gespielt wurde, hatte das Versteckspiel ein Ende. Roman Flügel fing dieses Jahr endlich wieder an, sein eigenes Süppchen auf Dial mit dem ersten unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichten Album “Fatty Folders” zu kochen. Zwischen verspieltem und elegantem House, subtilem Minimal und schlagkräftigem Elektro bewegt sich sein musikalisches Festmahl.

Elf satte Tracks gibt es auf dem Album, allesamt in unterschiedlichste Richtungen strebend. Mal bewegen sich die Songs luftig leicht und schaffen eine Atmosphäre wie auf einer hippen Cocktailparty, wie es der erste Track “How To Spread Lies” tut, mal animieren sie durch einen durchdringenden Komplex an Percussions, Synthi-Loops und vibrierendem Bass, die ganze Nacht durchzutanzen. So erinnern die Drums in “Deo” zu allererst an zackige Tanznummern der Achtziger, bis nach typischer Elektro-Manier immer mehr Zutaten in den Soundtopf geworfen werden. Roman Flügel fügt die Klangschnipsel jedoch überaus subtil ein. Irgendwann verlieren sich die vielen Elemente in einem einzigen Strudel, um dann wieder klar und mit neuen Elementen, aber immer noch mit der anfänglichen Melodiestruktur ausgespuckt zu werden.

„Rude Awakening“ ist ein gradliniger House-Track mit klassischer Klimax, „Softice“ abstrahiert hingegen einzelne Klänge. Immer wieder gibt es Klavier, Bongos und mehr Analoges, was sich mit den digitalen Errungenschaften vermischt. Der ruhige Abschlusstrack „Piano Piano“ hätte sogar mit seinem glucksenden Bässen auch auf Thom-Yorke- oder Turner-Alben gepasst. “Krautus” ist sehr verspielt, aber trotzdem ruhig und angenehm, fast durch die Nacht schwirrende Glühwürmchen. Sehr leichtfüßig, aber nicht weniger gut durchdacht tanzt “Bahia Blues Bootcamp” direkt auf einen zu. Sobald es mit der den Track dominierenden Melodie losgeht, schießt einem das Bild einer luftig bekleideten Tanzmeute auf Ibiza in den Kopf. Ganz unerwartet gibt es etwa in der Mitte des Songs einen Cut. Die folgenden eineinhalb Minuten konzentrieren sich eher auf den Beat und Percussions, um dann wieder zurück zum ursprünglichen Klang zu kommen. Immer wieder wird genaues Zuhören damit belohnt, dass mehr und mehr kleinteilige Klänge in einem solchen Komplex erkannt werden können.

Roman Flügel macht die reiche Zusammenwirkung der einzelnen Teile offensichtlich, indem er sie an manchen Stellen durchaus abrupt hinzufügt, wegnimmt und verändert. Dafür nimmt er sich Zeit, jedoch nicht annähernd so viel Zeit, wie einige seiner Minimal- und House-Kollegen mit Intros und Übergängen verbringen. Er schafft es, im genau richtigen Timing zum nächsten Part eines Songs zu kommen und sein feines Gespür für das Addieren und Verschmelzen von Klängen macht bei dieser Platte gerade die Spannung aus. Man hat keine Ahnung, wo der Sound und die Struktur eines Tracks hinführt. So wie ein Song anfängt, klingt er nicht in der Mitte, klingt er nicht am Schluss. Gerade die vielseitigen Details wie variierende Synthies, Schlagwerke, einige Tracks durchstreifendes Rauschen machen das Werk aus. “Fatty Folders” nimmt den Hörer mit auf eine Soundentdeckungsreise, deren höchstes Gebot es ist, die Füße bloß nicht still zu halten. (Heidi Käfer, Radio Q)

VÖ: 09.09.2011

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Anspieltipps

Deo, #3
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Bahia Blues Bootcamp, #4
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Song With Blue , #8
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Krautus, #6
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Rude Awakening, #7
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