Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2005

Albumcover

The Robocop Kraus
They Think They Are The Robocop Kraus

Eine Frau schläft vor dem Fernseher ein. Um halb sechs morgens wird sie wach. Ihr Wohnzimmer steht in Flammen. Sie alarmiert Feuerwehr, Polizei und ihre Nachbarn. Die rücken an und stellen fest, dass es nicht brennt, sondern dass die Frau lediglich das Super-RTL-Kaminfeuer-Testbild für echt gehalten hat.

Eineinhalb Jahre ist das her und inzwischen in sämtlichen Mittagsmagazinen, Käseblättchen und Mittagspausenkantinenrunden zur Genüge durchgenudelt und abgehakt. Thema gegessen. Was liegt ferner, als ein Lied drüber zu schreiben?

Eine Band aus Nürnberg hat´s trotzdem gemacht. Keine Sorge, wer jetzt sofort "Oh nein...!!" und bei "Bayerische Band" an Schuhplattleranleihen, Lederhosen und semikomische deutsche Texte mit dem scheinbar unvermeidlichen fiesen kleinen Auf-Teufel-Komm-Raus-Reim-Teufel denkt, kann erst einmal tief und beruhigt durchatmen und dann anfangen, umzudenken. The Robocop Kraus leihen nämlich musikalisch eher bei den Achzigern, tragen öfter mal Anzüge und schreiben ihre Texte auf Englisch. Und das verdammt gut.

Klar, wer mit dem 4. Album bei Epitaph gelandet ist - und das neben den Beatsteaks als einzige deutsche Band unter Größen wie Turbonegro, den Weakerthans, Agnostic Front, Hot Water Music und Millencolin - der muss schon was bieten, um sich in der Masse der Post-Punk-New-Waver mit einem äußerst direkten und kraftvollen Sound als Nichtbriten abzusetzen von den Bloc Partys, Franz Ferdinands und Maximo Parks dieser Welt. Das machen The Robocop Kraus einerseits, indem sie sich ganz unangestrengt auf ihr musikalischen Wurzeln beziehen - wer sonst covert schon Songs so unterschiedlicher Bands wie Minor Threat und Milli Vanilli? - und daraus dann etwas machen, das komplett neu ist und doch seine Daseinsberechtigung nicht erst suchen muss, weil die fünf Nürnberger einfach wissen, was sie da tun. Und das, obwohl sie damals, als sie sich aus zwei Hardcore-Schülerbands gründeten, erstmal die Instrumente tauschten und so z.B. den Bassisten zum Drummer machten - der Do-It-Yourself-Mentalität wegen. Inzwischen beherrschen die Robos auch ihre neuen Instrumente und ergänzen Gesang, Gitarre, Schlagzeug, Bass und Keyboard auch mal um weiblichen Hintergrundgesang oder um eine Kuhglocke. Produziert von Pelle Gunnerfeldt, der sonst für den Sound der Hives oder der (International) Noise Conspiracy verantwortlich ist, klingt "They Think They Are The Robocop Kraus" noch um einiges professioneller als der Vorgänger "Living With Other People", bleibt aber der Punk-Attitüde der Band treu.

Was The Robocop Kraus andererseits von vielen anderen unterscheidet, sind die Texte. "Your Children Are Safe" warnen sie die im vermeintlich brennenden Haus aufgewachte Frau zu Beginn von "In Fact You´re Just Fiction", um sie dann im zweiten Satz zu warnen: "But Here Comes The Truth". Und die ist, wie so oft, nicht schön. Wer hört schon gerne, dass er gar nicht echt ist? Trotzdem hatten wohl bisher keiner so viel Mitgefühl mit der 15-Minuten-Berühmtheit aus Lübeck wie Sänger Thomas Lang, der ihr versichert, sie sei nicht die einzige, bei der alles schief läuft.

Auch die Lyrics der anderen Songs sind ungezwungen tiefsinnig. In "You Don´t Have To Shout" beschäftigt sich Lang mit der Geschichte des 19-jährigen Mathias Rust, der 1987 mit seiner Cessna auf dem roten Platz in Moskau landete. "Concerned, Your Secular Friends" geht an den ehemaligen Bassisten der Robos, Roman Maul, der sich in Amsterdam zu Jesus bekehren und die Band dafür links liegen ließ. Und "There Are Better Lights In Hollywood" ist die Antwort auf "Making Plans For Nigel" von XTC. Ein Album voller Zeilen für die Ewigkeit, gegen die der Pathos der britischen Kollegen oft allzu gezwungen wirkt. Da mussten erst fünf Deutsche mit einer seltsamen Affinität zu Uri Geller kommen, um der Welt "I Have A Question Tto Every Answer" entgegenzuschleudern oder festzustellen "All The Good Men Are So Uncertain / All The Bad Men Are So Fucking Bold".

Die lyrische Kraft der Franken - ein Überbleibsel der Hardcore-Vergangenheit. Denn auch wenn in allen zwölf Tracks über die Ungerechtigkeit der Welt philosophiert wird, bleibt keine Resignation, sondern am Schluss immer die descendeske Feststellung, dass nur zum Opfer wird, wer die Niederlage eingesteht, und dass man letztlich selbst verantwortlich ist. Vor allem aber, dass das Leben trotz aller Widrigkeiten einen zumindest immer wieder in Erstaunen versetzen kann; "Life amazes us despite our miserable future", ob nun aufgrund von Kaminfeuern im Fernsehen oder weil eine deutsche Band auf dem Weg ist, so mühelos an den ganzen Briten da draußen vorbeizuziehen. Miserabel sieht die Zukunft für The Robocop Kraus auf jeden Fall nicht aus. (Britta Helm, Radio Q)

Künstler: www.therobocopkraus.de; Label: www.lado.de

Anspieltipps

  • In Fact You´re Just Fiction, #4
  • After Laughter Comes Tears, #1
  • You Don´t Have To Shout, #3
  • All The Good Men, #5
  • There Are Better Lights In Hollywood, #12

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