Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2003

Albumcover

Relaxed Muscle
A Heavy Night With

Ob Pulp sich nun aufgelöst haben, oder nicht, wird wohl vorerst ein Rätsel bleiben. Die Band, die mit Songs wie „Disco 2000“ und „Common People“ allerorts in den Charts war, hat im vergangenen Jahr zuletzt ein Konzert gegeben, und seitdem kochen Gerüchte über das Aus von Pulp. Aber ob Aus für Pulp oder nicht, Frontmann Jarvis Cocker hat auf jeden Fall immer noch Spaß an der Musik. Denn taucht plötzlich mit einer anderen, neuen Band zusammen auf: Relaxed Muscle. Und nicht nur das: Ab sofort möchte Herr Cocker nur noch als Darren Spooner angesprochen werden.
Wüsste man nicht, wer Darren Spooner ist, würde man ihn für einen kompletten Spinner halten. Vor allem, weil das Album so absolut durchgeknallt ist. Düstere Synthesizer-Sounds mit einem heftigen Beat darunter empfangen den Hörer gleich beim ersten Track „A heavy night“ Selbst die Stimme ist nicht wiederzuerkennen. Klingt so ein bisschen wie Marilyn Manson nach einem guten Orgasmus - also chilliger und höher, nicht ganz so aggressiv wie Marilyn. Aber irgendwie mit der gleichen Düsternis.

Darren Spooner ist Jarvis Alter-Ego, mit einer eigenen Biografie, die nichts mit dem Leben von Jarvis zu tun hat. Genauer: Jarvis Cocker lebt ja seit gut zwei Jahren in Paris und dort hat er im vergangenen Jahr auch eine Designerin geheiratet. Er lebt in einem der nobelsten Viertel der Stadt.
Darren Spooner hingegen war nie erfolgreich. Er sang in einigen nordenglischen Pubs, und wurde irgendwann zum Alkoholiker. Nachdem dann die Ehe mit seiner Frau Mary in die Brüche ging, wurde es mit dem Trinken so schlimm, dass er aus seiner Band „A Heavy Cochrane“ rausgeschmissen wurde. Er hatte kein Geld für Alkohol, und so fing er an zu stehlen, und wurde zu Sozialem Dienst, und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Dann traf er Jason Buckle, und sie gründeten Relaxed Muscle! Armer, armer Darren!
Was das soll, erklärt Jarvis...ähem!...Darren, in einem Exklusivinterview mit den CampusRadios NRW: „Es ging mir darum, nicht immer daran erinnert zu werden, wer ich bin. Man erwartet von Jarvis Cocker ein erfolgreiches Album, und jeder hat Erwartungen, wie es zu klingen hat. Von Darren Spooner erwartet niemand irgendwas. Für mich war wichtig, dass ich das Album in einem Kellerraum aufgenommen habe. Ohne Schnickschnack, keine noblen Studios. Einfach real vom Style her!“

Darren Spooner hat uns und sich selbst aber nicht nur eine neue Identität und eine neue Band beschert. Auch ein neues Outfit.
Mit dem könnte er mit dem oben bereits erwähnten Marilyn Manson im Doppelpack bei einer schlechten Horrorshow auftreten. Totenkopfmaske, den Rest des Gesichts weiß geschminkt, schwarzes oder auch wahlweise schwarzglittriges Kostüm. Und das Ding nimmt er fast nie ab. Aber nicht nur das ist neu: Auch zwei neue Tänze gibt von Jarvis Cocker: Jawohl! Richtig gelesen! Jarvis ist unter die Choreographen gegangen:
Live tanzt er mit Horroroutfit und Totenkopfmaske den „Muscle Husse“ der aus schrägen Aerobic-Bewegungen mit Breakdance-Einlagen besteht, und den „Beastmaster Dance“. Da geht’s nur darum einige Tiere nachzumachen.
(Die Autorin kam in den Genuss einer Tanzstunde bei Herrn Cocker...ähem!...Spooner, und muss zugeben, er ist ein begnadeter Tänzer!)

Von dem Album selber ist eigentlich nur zu sagen: ES IST ANDERS! Man wagt zu bezweifeln, das es überhaupt einen Plattenvertrag für Relaxed Muscle gegeben hätte, wäre Darren nicht eigentlich Jarvis gewesen. In jedem Fall ist das Album genial. Es geht von düsteren Sounds, die eine aggressive Nacht im Pub beschreiben, über in den „Beastmaster“, bei dem es eben um den besagten Tanz geht. Es führt weiter zu schrebbeligen Gitarren mit Texten, die wilde Sexphantasien oder Erektionen beschreiben oder sogar vom Lampenfieber vor dem Sex handeln. Aber es hat eben überhaupt gar nichts mit „Disco 2000“ zu tun. Ist also Darren Spooner und seine Musik das, was Jarvis schon lange gern gewesen wäre? Die Antwort des Mannes, der bislang nur als Jarvis Cocker bekannt war: „Nein. Darren Spooner ist nur eine Hülle, hinter der ich mich verstecke. Er ist aber jemand, der ich vielleicht geworden wäre, wenn es nicht anders gekommen wäre.“

(Amy Zayed, CampusRadios NRW)

LABEL: www.sanctuaryrecords.de / www.roughtrade.com

Anspieltipps

  • Sexualised.
  • Mary.
  • Billy Jack.
  • A Heavy Night.
  • Beastmaster.

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