Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 09/2011

Albumcover

Rainbow Arabia
Boys & Diamonds

Rainbow Arabia sind zwei ganz bunte Gesellen, und wenig trist ist auch der Klang, den das Duo aus L.A. einem vorsetzt: 80s-Rockdrums gesellen sich zu organischen Kongas und Timbales, Gitarrensoli kongruieren mit Akkordeons und fette Synthie-Lines werden von fiepsenden Trillerpfeifen begleitet, dazu hallender Gesang ohne tiefergehende Bedeutung und Anleihen tribaler Gesänge vom schwarzen Kontinent, dargebracht von zwei verheirateten Hipster-Weißbroten. Erste Reaktion: Seriously now?

Rainbow Arabia - Hai

Wenn man dann noch in Erfahrung bringt, dass die stets seriöse, fast unfehlbare und gerade deshalb umso unantastbarere Kölner Techno-Instanz Kompakt für „Boys & Diamonds“ verantwortlich ist, dass die ganz und gar nicht technoiden Rainbow Arabia der nächste heiße Scheiß sind, dann ist man etwas überfordert: ist die Lage beim fast zwanzig Jahre alten Traditionslabel so ernst, oder öffnet man sich endlich nach so langer Zeit anderen musikalischen Spielrichtungen, um eine gewissen Ermüdung zu umgehen?

„Boys & Diamonds“ fasst einen Teil der musikalischen Entwicklung der letzten Jahre zusammen. Tanzbar soll es sein, global, kleinteilig und möglichst cool. Dabei wissen sie, dass man den Faktor Eingängigkeit nie unterschätzen darf. So gerät die Musik von Danny Preston und seiner Frau Tiffany auch sehr unterhaltsam, vereinzelt sogar fast formatradiotauglich. Fast noch mehr interessant sind jedoch die grenzwertig verstörenden und atmosphärischen Momente ihrer Debüt-LP „Boys And Diamonds“, die mehr mit intelligentem Tiefgang überzeugen können. In diesem Kontext ist „Papai“ ein gutes Beispiel: ein düsteres Instrumentalstück, mit einigen eingeworfenen Vocal-Fetzen, das man durchaus auch als „Witch House“ lesen könnte. Bloß ist „Papai“ an dieser Stelle auf dem Album etwas ungeschickt platziert, da er umringt ist von Tracks, die an die Fröhlichkeit des „König der Löwen“-Soundtracks heranreichen und so keine ernste Grundstimmung entstehen lassen. Ein gutes Beispiel für den Happy Sound der Band ist die aktuelle und vielgelobte Single „Without You“. 

Rainbow Arabia - Without You

Das lässt selbstverständlich aufhorchen und erregt Aufmerksamkeit: eine Band, die ernsthaft den Spagat zwischen Radiotauglichkeit und Credibility schafft, ist selten genug. Doch hört man sich auf „Boys And Diamonds“ erstmal etwas ein, stellt sich bald heraus, dass vieles unvollendet oder nur oberflächlich angegangen bleibt: den Gesang von Tiffany kann man gerade in den Songs mit afrikanischen Texten nicht wirklich ernst nehmen, es wirkt abgekupfert – wie ein netter Versuch. Umso mehr punktet sie durch ihre Harmonien in Stücken wie dem Eighties-geschwängerten „Mechanical“, in dem ihre Stimme immer wieder unerwartete Wendungen nimmt. Ähnlich auch bei „Sayer“, wo die abenteuerlichen Windungen allerdings artifiziell zustande kommen. Doch auch hier wirken Telepathe zu deutlich nach, die sich schon vor über zwei Jahren mit teilweise genau den gleichen Effekten unnachahmlich selbst entfremdeten. Ähnlich erstaunt stellt man auch bei „Blind“ – einem der stärksten Songs des Albums – fest, wie stark sich Tiffany an die stimmlichen und instrumentalen Qualitäten einer Karin Dreijer Andersson annähert. Auch wenn Miss Andersson und RA ihren Sound in den letzten Jahren zeitgleich entwickelt haben, so ist die Ähnlichkeit mit Fever Rays "Seven" doch verblüffend, wenngleich er in der Grundstimmung nicht ganz so düster und grotesk ist.
 
Es bleibt irgendwie etwas undurchsichtig, wohin Rainbow Arabia mit ihrer Musik wollen: mit Songs wie dem eben erwähnten „Blind“ bedienen sie mit zackigen Gitarren und Cowbell das Indie-Publikum, mit dem Titeltrack und Opener „Boys And Girls“ stellen sie erstmal ihre Afrika-Affinität unter Beweis und mit dem technoiden Albumcloser „Squenced“ zeigen sie, dass sie bei Kompakt doch nicht so falsch aufgehoben scheinen. Das offensive Namedropping des syrischen Derbka-Stars Omar Souleyman, der demnächst mit Björk eine Album aufnimmt und ein großer Einfluss der Band sein soll, erschließt sich hingegen hier nicht: Sein Einfluss bleibt schleierhaft, zumal die afrikanischen Musikzitate, die Rainbow Arabia verwenden, eher dem schwarzen Afrika als dem arabischen Norden zuzuordnen sind.
 
Das größte Problem an der Musik von Rainbow Arabia ist, dass sie ihre Musik mit allem überladen, was in letzter Zeit irgendwie „cool“ war und sie zu vermeintlichen Trendsettern/Hipstern machen könnte, anstatt pointiert an ihr musikalisches Schaffen ranzugehen und, wenn schon so offen zitiert wird, die Zitate mit Sorgfalt und Liebe zum Detail auswählen. Es wird im Zusammenhang mit dieser traumhaften Hippie-Liebe der Weltmusik oft von „organischem Sound“ gesprochen, doch gerade das retortenhafte und gekünstelte Gegenteil ist mitunter der Fall.

Nichtsdestotrotz: die gute Laune, die das Duo auf ihren fröhlichen Stücken verbreitet, ist der ganz große Pluspunkt der Band. Angesichts der lethargischen Stimmung im Popzirkus könnte „Boys & Diamonds“ genau die Dosis unkomplizierte sonnengebräunte Lockerheit sein, die neben den erwartbar vielen Remixen durchhalten lässt.(Pat Cavaleiro, hochschulradio düsseldorf)
 
VÖ: bereits erschienen
 
Links: Band | Myspace | Facebook | Label | Komplettes Album im Stream
 

 

Anspieltipps

Without You, #2
Link:

Boys And Diamonds, #1
Link:

Hai, #7
Link:

Blind, #4
Link:

Sequenced, #11
Link:

Hier könnt Ihr Rainbow Arabia: Boys & Diamonds - Silberling der Woche 09/2011 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar